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19.07.2019 Innovation 6 minMinuten Lesedauer

Wieso nach Berlin wenn man auch in Sissach sein kann?

Die Techfirma Parashift holt die besten Talente ins Oberbaselbiet. Man fragt sich: Wie geht das?

Die Büros von Parashift in Sissach. Bild: zvg

Ein unscheinbarer Bau in einem Sissacher Gewerbegebiet am Ortsausgang: Hier, im ersten Stock an der Hauptstrasse 134, beginnt die Zukunft. Ein kleines bisschen zumindest. 

Wir sind bei der «Parashift AG» zu Besuch, einer Techfirma, die im Bereich des Machine Learning, einer Unterdisziplin der Künstlichen Intelligenz, arbeitet. Das klingt alles sehr nach San Francisco oder Berlin und wenig nach Oberbaselbiet. 

«Es ist schon ein bisschen ungewöhnlich, dass ein solcher Betrieb in Sissach steht und nicht in Zürich oder im Ausland», sagt Manuel Gehrig schmunzelnd, während er uns in ein Sitzungszimmer im hinteren Teil des Bürokomplexes führt, vorbei an offenen Türen, die den Blick freigeben in Zimmer, wo intelligent wirkende Menschen vor Bildschirmen sitzen und irgendetwas austüfteln.

Gehrig ist Marketingleiter bei Parashift. Er ist einer der wenigen Schweizer im Team. Ein Blick auf die Website offenbart: Die Crew kommt von überall, aus Polen, Indien, Deutschland oder Neuseeland.

Und sie gehört zu den besten, die der Markt zu bieten hat. Wer bei Parashift in der Forschung und Entwicklung arbeitet, hat in der Regel einen Doktortitel in Mathematik oder Physik in der Tasche. 

«Als Start-Up stellen wir keine Berufseinsteiger ein, sondern nur Höchstqualifizierte. Wir haben keine Zeit, um die Leute erst einzuarbeiten», sagt Alain Veuve, Gründer und CEO von Parashift. 

Veuve ist Baselbieter und damit auch der Grund, wieso die Techfirma ihren Sitz in Sissach hat. «Ich musste mich entscheiden: Berlin oder Sissach. Der Familie wegen bin ich dann hiergeblieben», sagt Veuve, der bereits viele Jahre in der Softwarebranche arbeitet. Angefangen hat er mit einem Computerladen in Sissach. Heute leitet er ein Unternehmen mit über 20 Mitarbeitern.

Das papierlose Büro

Doch wie kriegt man diese Talente ins Oberbaselbiet, wenn die Konkurrenz in den hippsten Städten des Globus sitzt? «Ganz einfach», sagt Veuve: «Wir arbeiten an einem innovativen Produkt. Das ist eine spannende Herausforderung für talentierte Leute. Und dafür kommen sie auch nach Sissach».

Was ist das für ein Produkt, an dem promovierte Mathematiker im Sissacher Gewerbegebiet den ganzen Tag lang rumtüfteln?

Nun: Es ist ein System zu automatischen Dokumenterkennung. Will heissen: Die Maschine extrahiert automatisch die relevanten Daten von einem Blatt Papier und bereitet sie zur Weiterverarbeitung auf.

Der Sissacher Alain Veuve ist auch international ein gefragter Redner. Bild: zvg

Zu abstrakt? Ein Beispiel: Ein KMU im Bereich Immobilienbewirtschaftung erhält jeweils am Morgen einen Stapel Rechnungen mit der Post. Die Person am Empfang öffnet die Couverts, scannt die Rechnungen ein und schickt sie an das System von Parashift. 

Dieses filtert dann automatisch die Kerndaten einer Rechnung heraus, also beispielsweise den Betrag, den Empfänger, den Zahlungstermin und so weiter. Was früher von Hand abgetippt werden musste, wird nun von der Maschine erledigt, und zwar schneller und damit billiger.

Doch damit nicht genug: Das System weist die Dokumente auch den jeweils zuständigen Personen zu, also die Rechnung beispielsweise dem Buchhalter. Dadurch entfällt die manuelle Zuteilung der Post. Und die Dokumente sind von überall aus abrufbar, auf allen Geräten.

Rechnung einscannen, abschicken und voilà: Das System von Parashift spuckt die relevanten Daten raus. Bild: zvg

Die Maschine erkennt nicht nur Rechnungen: Insgesamt sechs Dokumententypen hat Parashift bis jetzt erfasst, 65 werden es bis Ende Jahr sein. Weitere sollen folgen.

Die Software ist so ausgerichtet, dass sie sich andauernd «weiterbildet»: Je mehr sie mit Dokumenten gefüttert wird, desto besser erkennt sie Variationen und deren Spezifika. 

Das geht soweit, dass sie auch neue Sprachen lernen kann, sofern genug entsprechende Dokumente vorhanden sind. Den dafür notwendigen «Datenpool» bilden sämtliche hochgeladenen Dokumente von Parashift-Kunden, die in einer Cloud abgespeichert sind. Die Firma garantiert dafür höchste Datenschutzstandards.

«Das Machine Learning bei der Dokumenterkennung ist die eigentliche Innovation von Parashift», schwärmt Veuve. Es gebe zwar schon viele Programme zu Datenextraktion, doch diese seien auf standardisierte Dokumente beschränkt. «Unser Programm hingegen lernt ständig dazu und erkennt auch Abweichungen vom Standarddokument». 

Um bei dem Beispiel der Rechnung zu bleiben: Für die Software von Parashift spielt es keine Rolle, ob der Empfänger oben links oder unten rechts oder sonst wo steht. Die Extraktion funktioniert trotzdem, das ist der grosse Unterschied zu anderen, ähnlichen Programmen.

Sprung vom deutschsprachigen Raum in die ganze Welt

«doXeo» heisst das Programm zur Dokumentenerkennung für Geschäftskunden, das Parashift Anfang Juli lanciert hat. Dem Launch vorausgegangen sind intensive Monate des Forschens und Entwickelns. 

«Die Software ist aber noch nicht fertig gebaut, im Gegenteil, wir wollen sie nun schrittweise ausbauen, und zwar den Bedürfnissen der Kunden entsprechend», sagt Veuve.

Es sei besser, zuerst einmal ein Grundprodukt zu lancieren, und dieses dann laufend auszubauen, statt einfach ins Blaue hinaus etwas zu entwickeln, das dann gar niemand braucht, sagt der Baselbieter, der von sich selber behauptet, ein Tech-Nerd zu sein. 

Zurzeit zählt Parashift vor allem KMU im deutschsprachigen Raum zu seinen Kunden. Man peile aber einen weltweiten Vertrieb an, so Veuve.

Auch die «Mission» der Firma sei klar, so der CEO: «Wir arbeiten daran, dass in den Büros irgendwann gar keine manuelle Arbeit an Dokumenten mehr nötig ist. Komplete Automatisierung also».

Bis dahin dauere es aber noch eine Weile. Das Potenzial der Sissacher Tüftler scheint aber gross zu sein, so ist unter anderem die Privatbank Baumann & CIE kürzlich als Investor eingestiegen.

Partner der Rubrik Innovation
Oliver Sterchi

Oliver Sterchi

stellvertretender Chefredaktor

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