10.05.2023 Basel 9 minMinuten Lesedauer

Lernende erhalten mehr Ferien und ein Gratis-U-ABO

Fach­kräfte­mangel: Gebäude­technik-Firma ETAVIS will mit mehreren Mass­nahmen die Att­rak­tivität der Berufs­lehre steigern.

Mit 120 Lernenden zählt ETAVIS Kriegel+Schaffner zu den grössten Aus­bildungs­betrieben in der Region Basel. Bild: Webseite ETAVIS

Es sind bemerkenswerte Entscheide, die das Basler Elektroinstallations- und Gebäudetechnik-Unternehmen ETAVIS Kriegel+Schaffner gegenüber Prime News bekanntgibt: So erhalten die Lernenden im ersten und zweiten Jahr ihrer Ausbildung neu sechs Wochen Ferien – eine Woche mehr als bisher. Obendrauf gibt es ein Gratis-U-Abo.

Mit diesen Massnahmen will die Firma den Anreiz der Berufslehre steigern und dem verschärften Fachkräftemangel entgegentreten. Mit 120 Lernenden gehört ETAVIS Kriegel+Schaffner zu den grössten Ausbildungsbetrieben im Raum Basel. Die zusätzliche Ferienwoche wird aber nicht nur in der Region, sondern schweizweit an allen Standorten der ETAVIS-Gruppe eingeführt.

Im Interview äussern sich Andreas Fiechter, Leiter ETAVIS Region Nord sowie Patrick Bossard, Leiter Berufsbildung Region Nord, zu den Beweggründen.

Was hat die ETAVIS dazu bewogen, mehr Ferien zu gewähren und ein U-Abo zu ver­schenken?

Fiechter: Einerseits wollen wir ein moderner Arbeitgeber sein. Andererseits geht es aber auch darum, wie man uns wahrnimmt. Im Gespräch mit den Lernenden und ihren Ausbildnern haben wir festgestellt, dass es über die ganze Arbeitszeit gesehen zu Minusstunden kommt. Der Spielraum, um gewisse Anpassungen vorzunehmen, ist also vorhanden. 

Aber warum braucht es mehr Ferien?

Fiechter: Es ist eine Tatsache, dass die Umstellung von der Schule in den Beruf für die jungen Menschen eine Herausforderung darstellt. Die Erhöhung der Ferienzeit soll ihnen beim Einstieg ins Berufsleben helfen.

Bossard: Wir haben uns bei ETAVIS die Frage gestellt, was wir noch zusätzlich unternehmen können, um die Attraktivität der Berufslehre zu steigern. Dazu fanden diverse Workshops statt, in denen Vorschläge erarbeitet wurden. Dass wir mit den sechs Wochen Ferien einen ersten Schritt machen, ist uns sehr wohl bewusst.

Zum Verständnis: Sie sagen, weil die Lernenden Minus­stunden haben, geben Sie ihnen eine Woche mehr Ferien. Aber müsste es dann nicht genau umge­kehrt sein? 

Fiechter: Die Erhöhung der Ferienzeit betrifft die Auszubildenden im ersten und zweiten Lehrjahr. Diese neuen Mitarbeitenden heissen wir jeweils im August bei uns willkommen. Bis Ende Jahr haben sie dann Anspruch auf eine gewisse Anzahl Ferientage. Da der Betrieb zwischen Weihnachten und Neujahr jedoch geschlossen bleibt, haben die Lernenden nicht genügend Freitage übrig, um im Vorfeld einmal freinehmen zu können. Das kompensieren wir nun mit der zusätzlichen Ferienwoche. 

«Wollen ein moderner Arbeit­geber sein»: Andreas Fiechter (l.) und Patrick Bossard beim Inter­view mit Prime News. Bild: Yannik Schmöller

War das ein Wunsch der Lernenden?

Bossard: Ja, das haben die regelmässigen Umfragen, die wir im Betrieb durchführen, klar gezeigt.

Welche positiven Effekte erhofft sich ETAVIS von diesen Mass­nahmen?

Bossard: Mit dem Übertritt von der Sekundarschule in die Berufslehre ist eine Reduktion der Ferienwochen von 13 auf 5 verbunden. Insbesondere in der Region Basel ist das ein grosses Thema. Schulabgängerinnen und Schulabgänger entscheiden sich aus diesem Grund oftmals gegen eine Berufslehre und für eine weiterführende Schule, für die sie aber häufig nicht geeignet sind. Das führt dann dazu, dass sie etwa die Anforderungen der Fachmaturitätsschule (FMS) nicht erfüllen oder die Ausbildung abbrechen, weil sie eigentlich gar nicht gerne zur Schule gehen.

Aber sie tun es trotzdem, wegen der höheren Ferien­zeit?

Bossard: Das ist sicher ein entscheidender Faktor. Diese Erfahrung haben wir schon oft gemacht.

Die zusätzliche Ferien­woche wird an allen ETAVIS-Standorten in der Schweiz und Liechten­stein einge­führt. Wenn wir Sie richtig verstehen, halten Sie aber insbe­sondere in Basel eine Reaktion für erforderlich. Weshalb?

Bossard: Die Statistik spricht eine klare Sprache: In der Region Basel besuchen 70 Prozent der Sek-Absolventinnen und -Absolventen eine weiterführende Schule. Somit bleiben nur 30 Prozent respektive 20 Prozent, die sich für eine Berufslehre entscheiden. Es gibt ja auch noch die Brückenangebote. In anderen Landesteilen sind diese Werte hingegen genau umgekehrt.

Das Gebäudetechnik-Unternehmen ETAVIS Kriegel+Schaffner hat seinen Sitz auf dem Dreispitz-Areal. Bild: Yannik Schmöller

Die ange­sprochene Problematik ist schon länger bekannt. Weshalb reagieren Sie erst jetzt?

Fiechter: Wir strebten nicht eine regionale, sondern eine gesamtschweizerische Lösung für alle Unternehmen in der ETAVIS-Gruppe an. Das würde ansonsten nicht funktionieren. Denn würde ein Lernender von ETAVIS Kriegel+Schaffner zu einem anderen Standort wechseln, würde er alle Vorteile verlieren. Das wäre weder fair noch realistisch. Wir mussten deshalb einen Weg finden, der für alle Geschäftsstellen und Gesellschaften stimmt.

Bossard: Tatsächlich wären wir in eine kuriose Situation geraten, zumal die Einführungstage bei ETAVIS mit den Lernenden aller Standorte gemeinsam durchgeführt werden. Da hätten die einen erfahren, dass sie sechs Wochen Ferien bekommen, während sich die anderen mit fünf begnügen müssen. Ich glaube, das wäre nicht so gut angekommen. (lacht)

Welche Auswirkung hat die zusätzliche Woche Ferien auf die Ausbildungs­qualität? Gerät die nicht unter Druck?

Bossard: Letztlich sprechen wir von fünf Tagen, an denen die Lernenden im Betrieb fehlen. Über die gesamte Ausbildungszeit betrachtet sind diese Abwesenheiten vertretbar. Das zieht keine relevanten Auswirkungen mit sich.

Fiechter: Wer weiss: Vielleicht nimmt die Arbeitsleistung ja sogar zu, weil mehr Zeit für Erholung bleibt.

Da kann man sich dann ja aber auch fragen: Weshalb gewähren Sie «nur» eine zusätzliche Ferien­woche – und nicht mehrere, vielleicht sogar 13 Ferien­wochen wie an den Schulen? 

Fiechter: Eine sehr gute Frage. Wir unternehmen jetzt einmal diesen Schritt und beobachten die Entwicklung. Wir begeben uns damit zweifellos auf Neuland – mit offenem Ausgang. Unser Anspruch ist es, ein moderner Arbeitgeber zu sein. Wie wir das werden können, wurde lange und intensiv diskutiert. Ein «richtig» oder «falsch» gibt es meiner Meinung nach bei dieser Frage nicht. Wir machen jetzt einfach einmal Nägel mit Köpfen und ziehen in einem Jahr ein Fazit.

Bossard: Unser Ziel ist es, den doch abrupten Wechsel von 13 auf 5 Wochen Ferien wenigstens ein bisschen abzufedern. Ich möchte hier aber schon auch noch festhalten, dass der Anspruch auf fünf Wochen Ferien an sich bereits über dem Standard liegt, wie er im Gesamtarbeitsvertrag festgeschrieben ist. Uns ist klar, dass die Jugendlichen ausreichend Zeit benötigen, um den Kopf freizubekommen.

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Die Lernenden erhalten neu auch ein kosten­loses U-Abo, bezahlt von ETAVIS. Welche Über­legungen stehen hinter diesem Ent­scheid?

Fiechter: Wir wollen den Jugendlichen einen attraktiven Mehrwert bieten und gleichzeitig den ökologischen Gedanken fördern. Das kostenlose U-Abo stärkt den Öffentlichen Verkehr, was eine gute Sache ist. Nun sind wir natürlich sehr gespannt, welchen Anklang unsere Massnahmen finden und wie die Resonanz ausfällt.

Um was geht es Ihnen dabei im Kern?

Fiechter: Wir müssen es schaffen, den jungen Menschen auf Sek-Stufe zu vermitteln, dass ETAVIS ein sehr guter, moderner Arbeitgeber ist, der viele Karrierechancen bietet. Wer bei uns eine Lehre absolviert, erhält eine ausgezeichnete Ausbildung, wird eng begleitet und kann sich entfalten. Die Leute fühlen sich wohl bei uns. 

«Die Arbeit spielt sich zum Beispiel nicht aus­schliesslich auf der Bau­stelle ab, wie viele zu glauben scheinen.»

Patrick Bossard, Leiter Berufsbildung ETAVIS Region Nord

Warum sind solche Mass­nahmen überhaupt erforderlich? Gilt das Berufs­feld als unattraktiv? Besteht ein Image­problem?

Bossard: Unsere Ausbildungsberufe sind an sich äusserst attraktiv und haben Zukunft. Das Problem liegt darin, dass das vielen nicht bewusst ist. Wir versuchen nicht nur den Jugendlichen, sondern auch deren Eltern und Lehrpersonen zu zeigen, was wir  Spannendes leisten. Dabei stossen wir teilweise auf komplett falsche Vorstellungen.

Welche falschen Vor­stellungen bestehen?

Bossard: Die Arbeit spielt sich zum Beispiel nicht ausschliesslich auf der Baustelle ab, wie viele zu glauben scheinen. Es gibt viele interessante Tätigkeiten: Schaltanlagen oder Energieverteilungen bauen sind hochkomplexe Projekte mit Systemrelevanz. Wenn solche Anlagen nicht funktionieren, funktioniert in unserem Land bald gar nichts mehr. Leider fehlt das Bewusstsein dafür. Daran müssen wir ebenfalls arbeiten.

Sie haben die Eltern ange­sprochen. Welchen Ein­fluss erhoffen Sie sich durch die Erhöhung der Ferien­zeit?

Fiechter: Da spielen andere Faktoren eine viel wichtigere Rolle. Den Erziehungsberechtigen müssen wir das duale Bildungssystem näherbringen und die guten Karrieremöglichkeiten aufzeigen. Manche Berufszertifikate sind problemlos vergleichbar mit akademischen Abschlüssen.

Wie ist eigentlich die Stimmung inner­halb der Branche, wenn es um Berufs­lehre und den Fach­kräfte­mangel geht?

Fichter: Wenn ich mich im Berufsverband umhöre, stelle ich fest, dass sich alle Mitglieder ihre Gedanken machen. ETAVIS ist nun das erste Unternehmen, das handelt. Auf jeden Fall wird es Nachahmer geben. Das Wichtigste ist, dass der Beruf attraktiv bleibt und wir der zunehmenden Akademisierung entgegenwirken können.

Was hat sich verändert, dass ein Arbeit­geber so viel investieren muss, um attraktiv zu bleiben?

Fiechter: Die nachrückenden Generationen fordern eine Flexibilisierung der Arbeitszeitmodelle. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. In der Baubranche waren Teilzeit-Modelle lange nicht üblich. Auf Arbeitnehmerseite ist das aber inzwischen ein generelles Anliegen. Indem wir bei ETAVIS Teilzeit-Stellenangebote einführten, konnten wir neue Mitarbeitende gewinnen und insgesamt die Motivation der Angestellten steigern. Das war eine sehr gute Entscheidung.

Sie sprechen damit eine weitere Ver­änderung bei ETAVIS an, die aber nicht die Lernenden betrifft.

Fiechter: Auch in diesem Fall benötigte es den berühmten «ersten Schritt». Den haben wir gemacht, wie erwähnt mit sehr positiven Erfahrungen. Unser Gewerbe hat dadurch eine Imageaufwertung als attraktiver und flexibler Arbeitgeber erfahren.

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Yannik Schmöller

Yannik Schmöller

Prime Content-Redaktor

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