01.11.2023 Basel 7 minMinuten Lesedauer

«Heut­zutage ist Nieren­­krebs sehr gut behandel­bar»

Der ärztliche Koordinator des Nieren­krebs­zen­trums im Clara­spital, Martin Bosl, klärt über den wenig bekannten Tumor auf.

Martin Bosl ist Leitender Arzt in der Urologie und ärztlicher Koordinator des Nieren­krebs­zentrums im Clara­spital. Bild: Claraspital

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Krebserkrankungen sind allgegenwärtig: Die Rede ist von Brustkrebs, Darmkrebs, Hautkrebs oder auch dem Hirntumor.

Es gibt aber weit mehr Tumore. Bekannt sind derzeit mehr als 300 Krebsarten. Die einen werden eher vererbt, andere können aufgrund externer Einflüsse entstehen. Nicht alle kommen gleich häufig vor – oder sind gutartig.

Ein Auswuchs, der seltener vorkommt, ist der Nierenkrebs. Im Claraspital wird indes seit Jahren ein besonderer Fokus auf die Erkrankung und Behandlung gelegt. Im Interview mit Prime News klärt Martin Bosl über das wenig bekannte Nierenzellkarzinom auf. Der Leitende Arzt Urologie ist ärztlicher Koordinator des Nierenkrebszentrums im Claraspital.

Martin Bosl, wie häufig kommt Nieren­krebs vor?

Martin Bosl: Nierenkrebs gehört nicht zu den häufigsten Tumoren. In der Schweiz gibt es etwa 1'100 Neuerkrankungen pro Jahr. Nierenkrebs ist beim Mann die achthäufigste, bei der Frau die 13. häufigste Krebserkrankung. Insgesamt steigt aber die Zahl der Neuerkrankungen an. Gleichzeitig sinkt aber erfreulicherweise die Sterberate.

Weshalb häufen sich die Neu­erkrankungen?

Das liegt einerseits an der besseren, genaueren und immer häufiger durchgeführten Diagnostik, andererseits an den Umwelteinflüssen. Bei Ultraschall-Untersuchungen im Rahmen von Vorsorge-Check-ups, oder durch bildgebende Diagnostik wegen anderer Beschwerden, werden nicht selten zufällig Nierentumore gefunden.

Was verursacht denn Nieren­krebs?

Der kleinste Teil von zwei bis fünf Prozent der Tumore wird vererbt. Häufigste Ursachen scheinen die bereits erwähnten Umwelteinflüsse zu sein. Dazu gehören: Rauchen, Fettleibigkeit, unbehandelter hoher Blutdruck und chronisches Nierenversagen. Wer beruflich über lange Zeit bestimmten Chemikalien und Strahlen ausgesetzt war, ist auch eher betroffen.

Wie gefährlich ist eine Erkrankung?

Die Gefährlichkeit geht zurück. Das liegt, wie gesagt, unter anderem an der genaueren Diagnostik, welche inzwischen zur Verfügung steht. Heutzutage wird das Karzinom oft in einem frühen Stadium diagnostiziert, noch bevor es Tochtergeschwülste ausbilden kann. Das bedeutet, es ist dadurch sehr gut behandelbar und die Heilungsrate liegt bei über 90 Prozent. Gibt es bereits Metastasen, kann die Erkrankung durch neue Medikamente über Jahre gut aufgehalten werden.

Die Urologie am Clarapsital

7'800 Patienten im Jahr

Insgesamt werden in der Urologie des Claraspitals etwa 6'000 ambulante Patienten pro Jahr behandelt. Stationär sind es um die 1'800. Im Nierenkrebszentrum werden jährlich etwa 40 Patientinnen und Patienten operativ behandelt. Medikamentöse Behandlungen im metastasierten Nierenkrebs-Stadium gibt es circa zehn im Jahr. Zudem gibt es noch alternative Behandlungsformen, wie die Mikrowellen-Therapie. Dabei wird das Gewebe mit Wärme behandelt, um die Krebszelle zu zerstören. Praktiziert wird diese Methode vor allem bei Patienten, die nicht operiert werden können, weil sie alt sind oder zusätzlich an anderen Erkrankungen leiden. Das betrifft jährlich etwa drei bis fünf Nierenkrebspatienten.

Betroffen sind offenbar vor allem Männer zwischen 50 und 70 Jahren. Trifft das zu und was sind die Gründe?

In der Tat wird das Nierenkarzinom am häufigsten zwischen dem 50. und dem 70. Lebensjahr diagnostiziert. Die Ursache können Veranlagung und andere Faktoren darstellen. Die Entstehung des Nierenkarzinoms kann genetisch bedingt sein. Aber auch andere Risikofaktoren können ursächlich sein. Männer rauchen häufiger als Frauen, leiden mehr an Übergewicht und arbeiten häufiger in Berufen, die eine Krebserkrankung begünstigen, wie zum Beispiel in der chemischen Industrie. Es ist wichtig, dass Männer in diesem Alter zur Vorsorge-Untersuchung gehen, vor allem wenn sie diesen Risiken ausgesetzt sind. So kann der Krebs frühzeitig erkannt werden.

Wie sieht es bei den Frauen aus?

Auch bei Frauen wird inzwischen häufiger als in der Vergangenheit Nierenkrebs diagnostiziert. Ein Grund ist wohl, dass auch sie mittlerweile häufiger rauchen, und in Berufen arbeiten, die eine Krebserkrankung begünstigen können. Die Frauen werden mehr Risikofaktoren ausgesetzt als früher.

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Wie hoch sind die Heilungs­chancen bei einer Diagnose?

Hat sich der geortete Krebs noch nicht mit Tochtergeschwülsten ausgebreitet, ist eine Operation oft die Behandlung der Wahl. Heutzutage wird der Tumor häufig roboterassistiert bei einem minimalinvasiven Schlüsselloch-Eingriff aus der Niere entfernt. Nur noch selten muss das Organ komplett entnommen werden. Der Eingriff ist weniger kompliziert und schmerzarm. Die Patienten erholen sich in der Regel schnell.

Wie sieht die Behandlung aus?

Hat sich der geortete Krebs noch nicht ausgebreitet, ist eine Operation an der Niere nötig. Heutzutage wird der Tumor bei einem minimalinvasiven Schlüsselloch-Eingriff mit dem Roboter aus der Niere entfernt. Nur noch selten muss das Organ ganz entnommen werden. Der Eingriff geht schnell und ist schmerzarm. Die Patienten können sich schnell erholen.

Der Nierenkrebs wird bei einem minimalinvasiven Eingriff entfernt. Bild: Claraspital

Wann ist eine medi­kamentöse Behandlung not­wendig?

Gibt es bereits Metastasen, dann findet die Behandlung meist medikamentös statt. Eine Operation kann nur bei wenigen und gut kontrollierten Metastasen durchgeführt werden. Gibt es mehrere Tochtergeschwülste, werden diese durch Medikamente in Schach gehalten, damit die erkrankte Person ihr Leben weiterführen kann. Manchmal gehen die Geschwülste dabei so gut zurück, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt operativ entfernt werden können.

Wie hat sich die Behandlung in den letzten Jahren ver­ändert?

Es gab in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel beim operativen Eingriff: von der radikalen Nierenentfernung zur Tumorentfernung aus der erkrankten Niere, unter Erhalt der Niere. Das hat damit zu tun, dass wir immer mehr kleinere Tumore diagnostizieren. Ausserdem haben sich die operativen Techniken verbessert.

Auf dem Bild links ist der Quer­schnitt des Rumpfes zu sehen. Im linken Bauch­raum befindet sich der grosse Tumor, welcher rechts zu sehen ist. Die kleine Erhöhung auf dem Krebs­geschwür ist die Niere. Bild: Claraspital
Auf dem linken Rumpf­querschnitt ist links von der Wirbel­säule die Niere zu sehen, welches am oberen linken Ende weisse Gewebe hat. Das ist der Tumor. Auf dem Bild rechts ist die Niere zu sehen, mit dem kleinen Krebs­gewebe obendrauf. Bild: Claraspital

Und bei den Medikamenten?

Seit den 2000er Jahren werden sehr gute und wirksame Medikamente entwickelt, die den Nierenkrebs besser kontrollieren können. Diese bewirken erfreulicherweise eine deutliche Verbesserung der Überlebensrate der erkrankten Menschen.

Die Forschung trägt also massgeblich zu einer verbesserten Behandlung bei?

Ja. Studien haben gezeigt, dass bei einer Teilentfernung der Niere das Gesamtüberleben deutlich höher ist. Das liegt an der besseren Nierenfunktion nach der Operation. In der Medikamenten-Forschung hat man in den vergangenen 20 Jahren grosse Fortschritte erzielt. Bis in die 1990er Jahre gab es indes nur eine Immuntherapie. Die Lebenserwartung für fünf Jahre nach einer metastasierten Erkrankung lag bei unter zehn Prozent. Auch die Chemotherapie zeigte keine Wirkung.

Seit wann ist das anders?

Der Durchbruch gelang erst etwa 2005 mit den «Tyrosinkinase-Hemmern», welche die Überlebensrate deutlich anhoben. Inzwischen sind mit den sogenannten «Check-Point-Hemmern» noch wirksamere Medikamente auf den Markt gekommen. Durch die Kombination der Medikamente können gute Behandlungserfolge erzielt werden.

Zur Person

Ärztlicher Koordinator Nieren­krebs­zentrum

Dr. med. Martin Bosl arbeitet seit 2015 am Claraspital, zunächst als Oberarzt, seit drei Jahren als Leitender Arzt der Urologie. Zudem ist der 50-jährige Münchner ärztlicher Koordinator des Nierenkrebszentrums. Mehr zu seiner Person

Nicht nur die Behandlung hat sich verbessert, auch die Früh­erkennung. Können Sie dies aus­führen?

Die klassischen Symptome wie sie früher auftraten, mit Schmerzen in der Seite und Blut im Urin, gibt es heute nur noch sehr selten. Die meisten Tumore werden im Rahmen einer Vorsorge-Untersuchung entdeckt, oft auch per Zufall bei der Untersuchung einer anderen Erkrankung oder anderer Beschwerden. Durch die immer bessere und genauere Bilddiagnostik können immer kleinere Tumore erkannt werden.

Was kann präventiv gegen Nierel­karzinome unter­nommen werden?

Die Risikofaktoren minimieren. Das heisst: Fettleibigkeit vermeiden und nicht rauchen, sowie hohen Blutdruck behandeln lassen. Auch den Missbrauch von nierenschädigenden Medikamenten sollte vermieden werden. Zudem sollte man sich nicht langjähriger Bestrahlung aussetzen. Insgesamt einfach möglichst gesund leben und regelmässig Sport treiben. Es ist erwiesen, dass regelmässige Bewegung einer Krebserkrankung vorbeugt.

Das Nierenkrebszentrum

Behandlung nach inter­nationalen Qualitäts­richtlinien

Die Patienten erhalten im Claraspital nicht nur das Diagnose-Gespräch und die daraufhin folgende Behandlung, sagt Martin Bosl. Das von der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zertifizierte Nierenkrebszentrum des Claraspitals orientiere sich bei den Behandlungen an den international höchsten Qualitätsrichtlinien und gehe individuell auf die Bedürfnisse der Patienten ein. 

Das «Urologische-Tumorboard», ein Experten-Gremium, bespreche jeden Patienten mit einer Nierenkrebsdiagnose. Dazu gehören Urologen, Onkologen, Radio-Onkologen, Radiologen, Pathologen und auch Nuklearmediziner. Die Experten besprechen die jeweils geeignete Therapieform der einzelnen Patienten. Genauso wie das Vorgehen nach der Therapie.

Durch das «breit aufgestellte Team» aus diversen Berufsgruppen könne viel individueller auf die Patienten und deren individuelle Behandlung eingegangen werden, sagt Martin Bosl. Während der Therapie werden die Patienten auch von Psychologen und der Pflege eng begleitet. Ebenfalls wird eine Schmerztherapie, wie auch Hilfe bei sozialen Problemen geboten. In fortgeschritteneren Erkrankunstadien besteht ausserdem ein palliatives Therapiekonzept.

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Yannik Schmöller

Yannik Schmöller

Prime Content-Redaktor

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