22.04.2024 Innovation 7 minMinuten Lesedauer

Die Zukunft der Hand­chirurgie be­ginnt in Muttenz

Vom Chef­arzt zum Unternehmer: Statt in Rente zu gehen, will der Belgier Frédéric Schuind die Hand­chirurgie revo­lutionieren.

Frédéric Schuind mit Clémence Hermann von Spirecut und Yanic Michel von Swibrace. Bild: Nils Hinden

Jeder siebte Mensch auf der Welt muss sich in seinem Leben einer sogenannten Karpaltunnel- oder Trigger-Finger-Operation unterziehen. Beides sind bekannte Funktionsstörungen der Hand.

Mit dem Ziel, diese zwei Operationen und damit die Handchirurgie zu revolutionieren, gründete der belgische Handchirurg Frédéric Schuind (69) vor vier Jahren das Start-up «Spirecut AG». Seit dem vergangenen Jahr ist das Jungunternehmen mit aktuell drei Festangestellten an der Hofackerstrasse in Muttenz domiziliert.

Um die Zukunft der Handchirurgie mitzugestalten, verzichtete der ehemalige Leiter der orthopädischen Abteilung eines Spitals in Brüssel auf einen ruhigen Lebensabend.

Riesiges Potenzial

Trotz des riesigen Potenzials wirkt die dahinterstehende Technologie fast unauffällig: Es handelt sich um zwei drahtige, ultraschallgesteurte, chirurgische Instrumente. Diese ermöglichen eine «minimalinvasive» Durchführung der beiden obengenannten Operationen.

Das heisst: Im Gegensatz zur konventionellen Methode ist kein Schnitt, keine Naht und kein Verband nötig. Stattdessen wird mit den patentierten Spirecut-Instrumenten lediglich ein kleiner Einstich vorgenommen. Durch diesen kann anschliessend der gesamte Eingriff minimalinvasiv vorgenommen werden. Man nennt dies auch Schlüsselloch-Technik.

Am 4. Februar dieses Jahres wurden die ersten Operationen in Spitälern mit den neuartigen Instrumenten durchgeführt. Bis dato kam es zu ersten Verkäufen und Einsätzen in Grossbritannien, Belgien und der Schweiz.

So funktioniert die Technologie:

Genesungszeit massiv verkürzt

Prime News traf Frédéric Schuind an der Fachhochschule Nordwestschweiz nach einem Input-Referat vor vollen Rängen. Im Gespräch nannte der Experte gleich eine Reihe von Vorteilen seiner Handchirurgie-Instrumente.

Einerseits minimiere die Spirecut-Technologie das Risiko, dass während der Operation Nerven in der Hand verletzt werden. Ausserdem schont die neue Methode die Hand, weil damit kein Schnitt mehr nötig ist. Dies verkürze die Genesungszeit der Patienten drastisch.

Bis dato musste der Patient nach der Operation mit einer Ausfallzeit von mehreren Wochen rechnen. Dank der innovativen Instrumente aus Muttenz kann der Patient künftig jedoch bereits am Tag nach der Operation wieder leichte Arbeiten aufnehmen.

Auf diese Weise profitiert nicht nur der Patient, sondern auch die Versicherer. Sie sparen viel Krankengeld. Auch sonst sei die Operation kosteneffizient, betont Schuind. Denn die Operation dauere im Vergleich mit der herkömmlichen Methode weniger lang, benötige weniger Werkzeuge und könne ambulant unter lokaler Betäubung durchgeführt werden.

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Das Potenzial sei enorm: «Ein Experte schätzte mir gegenüber, dass in fünf Jahren 80 oder 90 Prozent dieser Karpaltunnel- und Trigger-Finger-Operationen mit unserer Technologie oder derjenigen eines Konkurrenten durchgeführt werden», sagt Schuind.

Nach der Pension: Vom Chefarzt zum Start-up-Gründer

Nun will Schuind dieses Potenzial ausschöpfen. Bis 2020 leitete er 17 Jahre lang als Professor für Chirurgie die orthopädische Abteilung des Erasmus-Krankenhauses in Brüssel. Das Spital zählt rund 4’000 Mitarbeiter.

Nach seiner Pensionierung zog er in die Schweiz, wo er im Alter von 65 Jahren ein Start-up in Fribourg gründete. Daraus gingen gleich zwei vielversprechende Produktfamilien hervor: Einerseits individualisierte 3D-Gipsabdrücke für den Arm und anderseits die Spirecut-Instrumente.

Er startete alles in Fribourg. Doch wie kam Spirecut nach Muttenz? Auf Anraten der Investoren hat der französischsprachige Schuind letztes Jahr die Handchirurgie-Instrumente ausgegliedert. Zu diesem Zweck hat er die Spirecut AG gegründet.

Das Unternehmen bezog im letzten Sommer seinen neuen Hauptsitz in Muttenz. Unterstützt wurde dieser Prozess von der Initiative «100 fürs Baselbiet» der Basellandschaftlichen Kantonalbank. Damit will die Bank innovative, nachhaltige und zukunftsorientierte Geschäftsmodelle beim nächsten Entwicklungsschritt unterstützen.

Die Instrumente. Bild: Screenshot Spirecut

Parallel dazu treibt Schuind mit der Firma Swibrace, die in Fribourg ansässig geblieben ist, die Entwicklung von individualisierten 3D-Gipsabdrücken weiter voran.

Der Produzent kommt aus der Uhrenbranche

Dass der Belgier Schuind seine Start-ups in der Schweiz gründete, bedeutet für ihn auch eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. Sein Grossvater ist der Oltner Transportunternehmer Arthur Ziegler.

Ziegler hat in der Schweiz und in Belgien seine Spuren hinterlassen. Er gründete im Jahr 1908 ein Transportunternehmen, woraus die heutige Ziegler Group hervorging. Noch heute unterhält der Grossbetrieb eine gewichtige Niederlassung in Basel. Der Familienbetrieb beschäftigt 3'200 Mitarbeiter und ist weltweit tätig.

Das war aber nicht der Hauptgrund, ein Unternehmen in der Schweiz zu domizilieren. Gegenüber Prime News zählt der emeritierte Professor gleich eine ganze Reihe von Beweggründen für die Ansiedlung in Muttenz auf. So sei das Basler «Ökosystem» in der Biowissenschaft «eine sehr gute Voraussetzung», um eine Med-Tech-Firma zu entwickeln.

Dieser Cluster ermögliche eine enge und sehr wertvolle Zusammenarbeit mit Professoren und Studenten von den Basler Hochschulen. Wenn Schuind von den Hochschulen in der Region spricht, kommt er ins Schwärmen: Das Know-How sei in Basel «fantastisch».

Ausserdem sei man in der Schweiz in der Lage, präzise Instrumente für die Chirurgie herzustellen. Interessante Anekdote: Der Hersteller der Spirecut-Instrumente stammt ursprünglich aus der Uhrenbranche: «Er ist es gewohnt, genau zu arbeiten», lobt Schuind.

Und er hängt mit einem Schmunzeln an: «Zudem kann ich nicht abstreiten, dass es auch aus finanziellen Gründen von Vorteil ist, ein Unternehmen in der Schweiz zu haben.» Insbesondere die Steuern seien hier niedriger und würden sich nicht so rasch verändern.

Weniger erfreuen ihn hingegen die Probleme in der Beziehung zu Europa und die Regulierungsmassnahmen der Europäischen Union. Beides stelle insbesondere für kleine Med-Tech-Unternehmen eine grosse Herausforderung dar.

Jährlich 50'000 Operationen in der Schweiz

Er sieht weiteres Potenzial für seine Technologie: Der nächste Schritt sei die Expansion nach Asien. Um diese so richtig zu lancieren, reist Schuind in Bälde nach Hongkong und China. Anschliessend wird das Team von Spirecut seine Technologie am renommierten Kongress für Handchirurgie in Rotterdam demonstrieren.

Mittelfristig hoffen die Köpfe hinter dem Muttenzer Start-up ausserdem, dass die Technologie so modifiziert werden kann, damit sie auch für weitere Operationen genutzt werden kann. Das sei aber noch Zukunftsmusik. Die Instrumente sind derzeit, nach einem komplizierten Genehmigungsverfahren, ausschliesslich für Karpaltunnel- und Trigger-Finger-Eingriffe zugelassen. In der unmittelbaren Zukunft fokussiere sich Spirecut darauf, sich in diesem Bereich durchzusetzen.

Klar ist: Schon nur bei diesen Eingriffen ist das Potenzial gigantisch. Jährlich finden allein in der Schweiz 50'000 dieser Operationen statt: «Ob wir oder die Mitbewerber mit ähnlichen Technologien dieses Potenzial nutzen, werden wir in ein paar Jahren sagen können», sagt Schuind. Spirecut ist auf Wachstumskurs: Derzeit ist das Jungunternehmen auf der Suche nach neuen Mitarbeitern, die dabei helfen wollen, die neuartige Technologie in der Handchirurgie voranzutreiben.

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Nils Hinden

Nils Hinden

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