04.12.2018 Verschwundenes Basel 11 minMinuten Lesedauer

Manchmal rollten Köpfe, manchmal spielten Kinder

Die Heuwaage, wo der Basler Zolli ein Ozeanium bauen möchte, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Eine Rückschau.

Der «Heuwaagenplatz» mit der Inneren Margarethenstrasse (l.) und der Binningerstrasse, aufgenommen in den Jahren um 1900. Bild: Verschwundenes Basel

Wir kennen das heutige Gebiet der ehemaligen Heuwaage nicht mehr wirklich als einen offenen Platz in diesem Sinne, er ist eher ein zubetonierter, verkehrsdurchzogener Ort, irgendwie ohne Identität, gesichtslos und fast ohne Bedeutung (mehr). 

Das war in früheren Zeiten anders! An diesem geschichtsträchtigen Ort war einst eine Hinrichtungsstätte und Exerzierplatz, er war Standplatz vom Zirkus, Märkten, ein wichtiger Fasnachts-Brennpunkt, hatte seinen eigenen Bahnhof und sogar der organisierte Fussball, wie wir ihn heute kennen, fand auf diesem Gelände seinen Anfang.

Die Richtstätte vor dem Steinentor

Als unsere Stadt noch mit einer Ringmauer, Bollwerken, Schanzen und Stadttoren befestigt war, lag vor dem Steinentor, dem Abschluss der Stadt Richtung Birsigtal, bis 1861 der Exerzierplatz der Stadtgarnison und ein kleiner Teich.

Da wo seit 1857 das Birsigviadukt steht, befand sich auf dem heutigen Zolliparkplatz der Rabenstein, eine unheimliche Richtstätte, die man bezeichnenderweise auch «Kopfabheini» nannte. Bei diesem Rabenstein wurden vor allem Verbrennungsstrafen und Enthauptungen vollstreckt.

Der Rabenstein: Einst Schauplatz grausamer Hinrichtungen, heute Zolli-Parkplatz. Quelle: Verschwundenes Basel

Sonst war auf diesem Landstrich nur weniges Textilgewerbe angesiedelt und eine Tabakstampfe, welche Tabak aus Kleinhüningen und Sissach verarbeitete. Die Basler Tabakprodukte waren damals sehr beliebt und wurden sogar bis nach Frankreich und Italien exportiert. 

Das Nachtigallenwäldlein war im Gegensatz zu heute noch ein richtiger Wald und der Birsig floss wild und frei Richtung Stadt, wo er bei Hochwasser einige Male die Vorstadt mit viel Geröll und Steinen verwüstete. Daher hat der Quartiername «Steinen» seinen Ursprung. 

Eintritt des Birsigs durch die Stadtmauer. Im Hintergrund die Barfüsserkirche und das Münster. Die Darstellung zeigt Basel in den 1860er-Jahren. Quelle: Verschwundenes Basel

Bei den anderen Toren prägten eher fromme Niederlassungen die Gegend, nicht so vor dem Steinentor. Hier fanden bis 1819 grausige Hinrichtungen statt. Nebst Enthauptungen durch das Schwert wurden auch zahlreiche Menschen auf dem Scheiterhaufen in Asche verwandelt, die dann im Birsig entsorgt wurde.

Die wohl grausamste Hinrichtung durch das Feuer fand am Weihnachtsabend (!) 1474 statt. Es wurden gleich 18 Gefangene aus dem Burgunderkrieg, die der widernatürlichen Unzucht angeklagt wurden, lebendig verbrannt. 

Bestialischer Umgang mit den zum Tode Verurteilten

Öffentliche Hinrichtungen waren für die Bevölkerung stets eine Ablenkung des harten Alltags und ein willkommenes Spektakel.

Bei besonders scheusslichen Vollstreckungen der Todesstrafe aber, bei denen Folterungen vorausgingen (Sexualtätern schnitt man zum Beispiel die Genitalien ab), wurden die Kinder von der Prozedur ferngehalten. Auch versuchte die Obrigkeit, die Vollstreckungen aus Sittlichkeitsgründen ohne Publikum zu vollziehen. 

Oft wurden die Delinquenten nach dem Verkünden der Todesstrafe im Hof des Rathauses und nach Ertönen der grossen Pabstglocke im Münster, auf einer Kuhhaut von Pferden quer durch die Stadt geschleift und an bestimmten Stationen mit glühenden Zangen «gepfetzt» und verstümmelt. Daher kommt wohl die Redewendung: «Das geht doch unter keine Kuhhaut». 

Der stets begleitende Pöbel warf dann Steine und bespuckte und beschimpfte die gepeinigten Missetäter, bis sie vor dem Steinentor schliesslich halbtot auf dem Richtplatz ankamen. Dort wurden sie dann vor einer blutlüsternen Meute einen Kopf kürzer gemacht oder lebendig dem Feuer übergeben. 

Damals glaubten noch viele Menschen, dass zum Beispiel das Blut oder sogar der Samen von zu Tode Verurteilten heilende Kräfte habe.

Hinrichtungen waren immer heikel und eine Herausforderung für die Ordnungshüter, da die grosse Masse schwer zu bändigen war, etwa wenn der Henker daneben schlug.

Wenn sich dieser in solchen Fällen nicht zurückziehen konnte, oder ausreichend beschützt wurde, kam es schon mal vor, dass die wildgewordene Menge den Henker selber lynchte. Bei solchen Blutspektakeln waren deshalb immer viele Landjäger und Militär zugegen, um Schlimmeres zu verhindern oder gleich im Keim zu ersticken.

Am 4. August 1819 fand dann zum Glück auf der Kopfabheini die letzte Hinrichtung in Basel statt. Es waren über 20‘000 Menschen zugegen, etwa die Anzahl Einwohner der Stadt zu der Zeit. Es wurden gleich drei Straftäter wegen Mordes, Strassenraub und Brandstiftung vom Basler Henker Mengis zum letzten Mal mit dem Schwert geköpft. Danach wurde bis zur Abschaffung der Todesstrafe ausschliesslich mit der Guillotine enthauptet. 

In den Aufzeichnungen heisst es, dass die Prozedur anständig und korrekt verlaufen sei und dass die Leichname der Verurteilten bis zu Ihrem Wegschaffen gut bewacht werden mussten. Damals glaubten noch viele Menschen, dass zum Beispiel das Blut oder sogar der Samen von zu Tode Verurteilten heilende Kräfte habe.

Auch musste man die Körper vor weiteren Verstümmelungen bewahren, weil auch Souvenirjäger nicht Halt davor machten, sich das eine oder andere Körperteil anzueignen, um es dann später zu Geld zu machen.

Blick vom Steinentorberg im Jahr 1865. Quelle: Verschwundenes Basel

Die Heuwaage zügelt vor die Stadt

Aber es waren nicht nur solch düstere Veranstaltungen, welche die Leute auf den grossen Platz vor dem Steinentor lockte. An dem Ort wurde nebst den Hinrichtungen und dem Exerzieren der Stadtsoldaten auch jeweils die Fasnacht mit grossen Höhenfeuern wild und ausgelassen abgehalten. 

Während der Messe gastierten dort auch grosse Fahrgeschäfte und Menagerien und unterhielten das Publikum unter anderem mit grossen Tiervorführungen und sogar Jagden. Beim Eingang zum Nachtigallenwäldchen befand sich eine grüne, schattige Anhöhe, welche ein beliebter Kinderspielplatz war, wo Mütter strickten und miteinander plauderten, während sie auf ihre spielende Kinder aufpassten. 

Nach dem Abbruch der Stadtbefestigung und des Steinentors im Herbst 1866, wurde auf dem neu gewonnenen Gelände ein Viehmarkt angesiedelt und der idyllische Spielplatz musste den nun zahlreichen Rindern, Kühen und Pferden weichen.

Die grünen Matten verschwanden und der trostlose Staub der Viehherden und die wüsten Flüche der Viehtreiber ersetzten das fröhliche Treiben der spielenden Kinder.

Übersicht auf den Viehmarkt-Platz, aufgenommen ca. 1870. Bild: Verschwundenes Basel

1901 wurde dann die amtliche Heuwaage, welche bis dahin im städtischen Kaufhaus neben der Barfüsserkirche einquartiert war, zu Gunsten des neuen Stadtcasinos vor die Stadt verlegt. So entstand der Name «Heuwaage».

Den Menschen war dieser Ort zu jener Zeit allerdings nur als «Waggisplatz» bekannt. Der offene Platz war besonders geeignet für die Zufahrt der Heuwagen, die vom Birsfeld (damals noch keine richtige Ortschaft, nur ein weites Feld mit wenigen, einzelnen Häusern), dem Leimental oder dem Elsass herkamen, daher wohl der Name «Waggisplatz».

Das schmucke Waghäuschen, die eigentliche Heuwaage, stand noch bis 1959. Es wurde nach und nach überflüssig und die im Boden eingelassene Waage wurde zum Schluss nur noch zum Wiegen der Zolli-Elefanten benutzt. 

Heuwaagehäuschen mit Waagmeister und versenkbarer Waage im Boden. Bild: Verschwundenes Basel

Erster Fussballplatz von Basel

Hinter dem Viadukt, das von 1857 bis 1858 für die erste Eisenbahn erbaut wurde, befand sich auch Basels ältester Fussballplatz, auf dem der erste moderne Fussball gespielt wurde. Um die Mitte der 1880er-Jahre übten dort bereits Schüler der mittleren und oberen Schulen das neuartige Spiel.

Anfangs der 1890er-Jahre machte dann Adolf «Papa» Glatz seine Realschüler mit dem «englischen Spiel» vertraut. 1879 gründete er dann den Realschülerturnverein (RTV), der bis heute besteht.

Adolf «Papa» Glatz mit Mannschaft posieren in den 1890er-Jahren auf dem Fussballplatz Viadukt. Bild: Verschwundenes Basel

Die berüchtigten «Heuwoog-Schangis»

Der Viehmarkt und Warenumschlagplatz bei der Heuwaage zog damals viele zwielichtige Gestalten an, welche als Taglöhner und Gelegenheitsarbeiter zu Tag und Nachtzeiten herumlungerten. Wenn die Gesellen gerade nicht beschäftigt waren, tranken und prügelten sie sich, schliefen ihren Rausch aus oder bettelten Passanten zu deren Unmut an.

Für die Fuhrunternehmer und Viehhändler waren diese Menschen aber unentbehrlich, da man ihrer Bärenkräfte beim Warenumladen bedurfte und auch deren Kaltschnäuzigkeit, wenn das Vieh von der Heuwaage quer durch die Stadt zum Schlachthof geführt werden musste.

Die sogenannten «Sunnebrieder» und «Brüder der Landstrasse» lungerten meist am Uferbord des Birsigs herum, wo sie nach Verrichtung der meist nur kurzen Arbeitseinsätze ihren ganzen Lohn versoffen, und dann dort in der Sonne liegend ihren Rausch ausschliefen.

Nicht selten erwachte so ein Saufbruder unsanft im nassen Birsigbett, da er zuvor im Alkoholrausch vom Bord in den Bach heruntergefallen war. Einmal kam ein betrunkener Heuwögler zu Tode, als er sich beim Sturz in den Birsig das Genick brach.

Seine Trinkkumpanen sollen damals dazu gesagt haben: «He, e seligere Tod ka sich gwiss kaine wünsche – är isch jo im schönschte Schnapskaib gstorbe». 

«Heuwoog-Schangis» am Birsigbord beim Herumlungern, ca. 1890er-Jahre. Bild: Verschwundenes Basel

Auch die Landjäger (Polizei) der damaligen Zeit mussten wegen diesen unseligen Landstreichern regelmässig ausrücken, wenn sie wieder randalierten, sich die Köpfe einschlugen oder in der Wirtschaft zechprellten. In der Thorsteinen 43 (Steinentorstrasse) befand sich der Steinenposten, welcher im Parterre mit solidem Mauerwerk stabil gebaut und mit einer extra verstärkten Türe versehen war.

Es ist überliefert, dass manch so ein Heuwaage-Bruder, wenn er zu fest randalierte und herumschrie, von einem Landjäger mit einer Reitpeitsche gehörig «abgschmiirt» wurde, bis er endlich Ruhe gab.

Wenn so ein Heuwoog-Schangi nicht gleich vor Ort schlief, fand er Logis im Bären in Binningen oder, bei fehlendem Kleingeld, in der Bettlerhöhle in der Wolfsschlucht im Gundeli. Ob es diese Höhle noch gibt, oder wo diese war ist dem Verfasser dieses Artikels bis jetzt leider nicht bekannt.

Doch das Ende nahte, als der motorisierte Fortschritt kam und die Arbeit der Taglöhner nach und nach überflüssig machte. Um 1909 war dann auch Schluss mit dem Pöbeln und den Trinkgelagen.

Die Bevölkerung hatte genug von dieser «negativen Zierde» der Stadt. Die Behörden wiesen sie von ihrem Stammplatz an der Heuwaage weg. Später tauchten sie am Rheinhafen oder auf dem Güterbahnhof Wolf wieder auf.

Die Birsigtalbahn hält Einzug in die Stadt

Um 1887 wird, noch vor Einführung der Basler Strassenbahn, die Strecke der Birsigtalbahn von Basel nach Therwil eröffnet. Die erste Station der noch mit Dampf betriebenen «Glettyse»-Loks befand sich ursprünglich in der Steinentorstrasse, beim Vierlindenbrunnen und wurde dann später, um der neuen Strassenbahn Platz zu machen, zum Heuwaagenplatz versetzt.

1890 fuhr die «Glettyse»-Bahn noch durch die Steinentorstrasse. Bild: Verschwundenes Basel

In den Dörfern war eine Geschwindigkeit von zwölf Stundenkilometer, auf offener Strecke 25 Stundenkilometer vorgeschrieben. Bei der Jungfernfahrt ereignete sich ein schreckliches Unglück in Binningen: Es wurde eine Frau getötet, als sie vom Zug erfasst und überfahren wurde.

Das hielt aber die Obrigkeit und das Volk offenbar nicht davon ab, trotzdem ein sehr belebtes Bankett zur Eröffnung der Birsigtalbahn im Stadtcasino abzuhalten!

Die Bahn wurde zu Beginn vor allem von Arbeiterinnen und Arbeitern benutzt, zudem für Milch- und Eistransport. Später bildete der Birsigtalbahnhof für die Basler den Ausgangspunkt, wenn sie sich zu den beliebtesten Ausflugszielen im Leimental aufmachten. 

Am 25. Oktober 1986 wurde die Birsigtallinie, im Volksmund «Leimentaler» genannt, mit dem Stadtnetz verknüpft und die blauen Bähnli verschwanden von der Bildfläche. Das alte Fachwerk-Stationsgebäude wurde Ende 1986 fachmännisch zerlegt und der Brauerei Feldschlösschen in Rheinfelden als Bahnhofsgebäude für deren historischen Gästezug verkauft.

Ab 1986 verschwanden die legendären blauen Bähnli, die das Leimental mit der Stadt verknüpften, von der Bildfläche. Bild: Verschwundenes Basel

Seit einigen Jahren bemüht man sich darum, diesen heute eher langweiligen Platz vor dem Eingang zur Innerstadt wieder aufzuwerten mit der Neugestaltung der Birsiganlage sowie neuen grossen Bauprojekten.

Etwa dem neuen Hochhaus am Eingang der Steinenvorstadt oder dem geplanten Bau des Ozeaniums, einem Grossaquarium, das der Zoo Basel auf dem Areal der Basler Heuwaage auf das Jahr 2024 realisieren will. 

Wer also durch das Nachtigallenwäldchen, das seinem Namen heute nicht mehr gerecht wird, dem Birsig entlang Richtung Basler Zoo spaziert, dann den Parkplatz nach dem Viadukt überquert, gedenke den armen geschundenen Seelen, welche früher genau dort ihr Leben lassen mussten. 

Und sieht so die Zukunft der Heuwaage aus? Visualisierung des geplanten Ozeaniums. Visualisierung: Philipp Schaerrer, Zürich
Daniel M. Cassaday

Daniel M. Cassaday

Gründer «Verschwundenes Basel»

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