Bettina Dieterle: «Ich bin und bleibe ein Punk»
Die Basler Regisseurin führt in Rheinfelden in der «Fricktaler Bühne» eine Komische Oper auf, die gut zur #MeToo-Debatte passt.

Der Rheinfelder Bahnhofsaal, nur wenige Meter von den Gleisen entfernt, ist ein architektonisches Bijou und gleichzeitig auch ein monumentales Zeugnis der immensen Bedeutung, welche die Feldschlösschen-Fabrik in der Stadtgeschichte innehat.
Der Saal atmet den Geist vergangener Zeiten, die Holzwände sind mit überlebensgrossen Figuren bemalt, auf der grossen Balustrade prangt prominent das ikonische Logo des Brauerei-Riesen. Weniger altehrwürdig wirkt die Bühne, auf der das Skelett eines drehbaren Bühnenbildes installiert wurde, eine grosse Holzkonstruktion.
Inmitten dieser prachtvollen Szenerie geniesst Bettina Dieterle die Ruhe vor dem Sturm. Die Proben zur Oper «Die Lustigen Weiber von Windsor», bei welcher die 54-jährige Regie führt, gehen in die Endphase, am 18. Oktober ist bereits Premiere.
«Auch an den grossen Häusern der Schweiz gibt es Kleingeister.»
Bettina Dieterle, 54 Jahre, Schauspielerin und Regisseurin
Die Verwechslungskomödie, in welcher zwei junge Frauen einen Lüstling bestrafen, scheint Dieterles Geschmack zu treffen. Die bekannte Schauspielerin und Sängerin mit viel Sinn für Humor ist ein Tausendsassa.
Als Jugendliche sang sie in Rockbands, als Schauspielerin brachte sie das Schweizer Fernseh-Publikum bei «Benissimo» oder in der Sitcom «Mannezimmer» zum Lachen, als Opernsängerin machte sie sich in Zürich einen Namen und in der Basler Fasnachts-Szene ist sie als Moderatorin eine feste Grösse.
Nun hat sie sich der Oper und der Operette verschrieben: nach Erfolgen auf der «Bühne Hombrechtikon» kommt sie nach Rheinfelden zur «Fricktaler Bühne». Wie ist es, als Vollblut-Regisseurin mit Amateuren zu arbeiten? Wie holt man Shakespeare ins 2019? Und wie ist es, sich mit 54 Jahren dem Stress des Theater- und Opernlebens auszusetzen? Prime News traf die Powerfrau zum Gespräch.
Wie kommen die Proben voran?
Sehr gut, nach drei Wochen Vorbereitung im Proberaum können wir nun auf dieser riesigen Bühne proben – und damit kommen plötzlich neue Herausforderungen. Gerade für das Ensemble ist es nicht ganz einfach, sich in dieser Szenerie zu bewegen (deutet auf das grosse Bühnenbild). Aber der Saal ist sehr schön, die Akustik grossartig, alle sind guter Dinge (lacht).
Die meisten Mitwirkenden bei dieser Oper sind Amateure. Macht das für Sie als Regisseurin einen Unterschied?
Klar, Laien muss man anders führen als Profis. Mein Problem ist, dass ich oft ganz natürlich denke, dass sie dasselbe Knowhow wie ich haben. Dann muss ich einen Moment innehalten und mich neu sortieren. Nach all den Jahren habe ich die Bühnengesetze im Blut, aber Amateuren muss ich sie neu vermitteln. Eine Treppe hochzulaufen und zu singen oder eine Elfe zu spielen und parallel zu singen, ist gar nicht so einfach. Ausserdem habe ich als Regisseurin noch mehr Verantwortung als bei der Arbeit mit Profis. Wenn ich Zuversicht verströme, kann ich die Gruppe mitziehen. Wenn ich schlechte Laune habe, zieht das die allgemeine Stimmung herunter.
«Die Lustigen Weiber von Windsor» beruhen auf Shakespeare. Wie holt man einen alten Stoff ins 2019?
Einen guten Stoff muss man nirgendwohin holen. Er ist zeitlos, berührt die Menschen immer und überall. Meine «Lustigen Weiber von Windsor» spielen weder heute noch zu Shakespeares Zeiten, sondern in einer Art Zwischendimension. Es kommt meistens gut an, wenn man ein klassisches Stück mit Witzen über Tesla oder #MeToo aufpoliert und ins 2019 holt, aber in diesem Fall ist das gar nicht nötig: der Stoff ist einfach zu gut.
Sind Opern und Operetten für Sie eine alte Liebe oder eine Neuentdeckung?
Ich habe ab 1986 zehn Jahre am Zürcher Opernhaus als Mimin, Solistin und Statistin gearbeitet. Schon damals habe ich entschieden, dass ich Opernregisseurin werden möchte – und musste damit warten, bis ich 53 wurde (lacht). Ich habe schon immer Musik und Theater verbunden, daher ist es für mich ein logischer und schöner Schritt.
Sie spielten in TV-Produktionen und an den grossen Häusern der Schweiz. Jetzt arbeiten Sie in Rheinfelden, einer Kleinstadt. Macht das einen Unterschied?
Naja, Kleingeister gibt es auf jeden Fall auch an den grossen Häusern (lacht). Es kommt immer auf die Menschen und ihre Affinität zu Musik und Oper an.
«Die Zivilgesellschaft lebt! Diese Oper ist der lebende Beweis dafür.»
Bettina Dieterle, Opernregisseurin
Hier gibt es nicht zwanzig unterschiedliche kulturelle Angebote pro Abend wie in Basel oder Zürich. Wächst damit auch die Verantwortung als Regisseurin?
Ich spüre immer viel Verantwortung, weil ich gute Arbeit abliefern möchte. Aber selbstverständlich ist es für die Leute hier besonders wichtig, dass die Operette gut wird und dem Publikum gefällt. Ich bin aber absolut begeistert vom Engagement der Menschen im Chor. Sie machen das ehrenamtlich, arbeiten Vollzeit und kommen trotzdem motiviert zu den Proben. Es ist wahnsinnig, wie gut sie diese Herausforderungen stemmen – einfach aus Freude an der Sache.
Das Vereinswesen in der Schweiz wird oft totgesagt.
Klar hat das Vereinswesen nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher, aber die Zivilgesellschaft lebt! Da muss man sich nur mal die Basler Fasnacht vor Augen halten. Auch diese Operette hier ist der lebende Beweis dafür.
Sie waren früher als Punk aktiv. Haben Sie einen Teil dieser Geisteshaltung bewahrt, wenn Sie ein Theaterstück oder eine Oper inszenieren?
Ich bin und bleibe Punk. Das heisst aber nicht, dass ich Dinge zertrümmern oder Totenköpfe auf der Bühne aufstelle möchte. Ich sehe mich als Clown. Der Clown ist die berührendste, kindlichste Figur auf der Bühne. Der Clown staunt, scheitert und hat Spass dabei. Das sieht man auch in diesem Stück. Zwei Frauen bekommen einen lüsternen Brief von demselben Typen – einem dicken, alten Sack – und beschliessen, ihn an der Nase herumzuführen. Das ist hochaktuell in Zeiten von «#MeToo», die beiden Frauen üben zivilen Ungehorsam auf eine sehr intelligente und witzige Art.
Freuen sich auf den grossen Tag: Die Chor-Mitglieder der «Fricktaler Bühne» sind ehrenamtlich tätig. Bild: Facebook / Fricktaler Bühne
Im November findet der letzte Auftritt hier in Rheinfelden statt. Was suchen Sie sich danach als Kontrastprogramm zur Oper?
Ich werde mit meinem Stück «Sufragettenblues» weiter durch die Schweiz touren, es ist ein sehr politisches und persönliches Stück. Ausserdem interpretiere ich gemeinsam mit Andrea Zogg die «Zauberflöte» neu. Im Februar 2020 feiern wir Premiere. Generell möchte ich im nächsten Jahr aber ein bisschen kürzertreten. Ich habe in den letzten anderthalb Jahren bei sechs grossen Inszenierungen Regie geführt, das geht an die Ressourcen.
Was ist Ihr Geheimrezept in stressigen Phasen?
Abstand zur Arbeit zu nehmen und soviel wie möglich zu schlafen. Ich versuche, regelmässig Yoga und Meditation zu machen, schaffe es aber nicht immer. In der letzten Woche ist es mir aber gelungen, jeden Morgen in den Wald zu gehen und Sport zu treiben. Das lag wohl daran, dass mein Mann im Urlaub ist (lacht).
Wettbewerb: 4 Tickets zu gewinnen
Die Fricktaler Bühne besteht schon seit beinahe vierzig Jahren und bringt jedes Jahr eine neue Produktion – von Strauss bis Offenbach – nach Rheinfelden.
In diesem Jahr finden die 17 Aufführungen der «Lustigen Weiber von Windsor» unter Regie von Bettina Dieterle zwischen dem 18. Oktober und dem 24. November statt. Tickets können an der Abendkasse oder online bestellt werden.
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