19.05.2022 Basel 4 minMinuten Lesedauer

«Das Mobilitäts­bedürfnis der Menschen ändert sich»

Mit dem neuen «U-Abo Freizeit» sollen Kunden zurück­ge­wonnen werden, sagt TNW-Geschäfts­führer Adrian Brodbeck.

«Wir sind der erste Verbund in der Schweiz», der test­weise ein Freizeit­abo auf den Markt bringt: TNW-Geschäfts­führer Adrian Brodbeck. Bild: Christian Keller

Ende April hat der Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW) testweise ein neues Angebot lanciert: Zum bisherigigen U-Abo gibt es neu das «U-Abo Freizeit». Es kostet 90 Franken, hat eine Geltungsdauer von drei Monaten und ermöglicht die unbegrenzte Nutzung des Öffentlichen Verkehrs (ÖV) am Abend sowie am Wochenende.

Konkret gilt mit dem «U-Abo Freizeit» freie Fahrt von Montag bis Donnerstag ab 19 Uhr bis Betriebsschluss und von Freitag ab 19 Uhr durchgehend bis Sonntag Betriebsschluss.

Welche Zielsetzungen hat sich der TNW mit der Produkte-Erweiterung gesteckt? Im Interview mit Prime News stellt TNW-Geschäftsführer Adrian Brodbeck das «U-Abo Freizeit» näher vor und äussert sich zu den Hintergründen.

Sie haben unlängst das «U-Abo Freizeit» lanciert. An wen richtet sich dieses neue Angebot?

Adrian Brodbeck: Wir möchten damit jene Personenkreise ansprechen, die den ÖV hauptsächlich in ihrer Freizeit nutzen, während sie tagsüber auf andere Verkehrsmittel setzen. Erfahrungsgemäss handelt es sich um Personen im Alter zwischen 19 und 55 Jahren.

Geht es Ihnen auch darum, Kund­innen und Kunden zurück­zu­gewinnen, die Sie während Corona verloren haben?

Wir hatten schon vor der Pandemie festgestellt, dass das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung im Wandel begriffen ist. Das E-Bike wird immer populärer, ausserdem ist es sozusagen zu einem Lifestyle geworden, in der Innenstadt zu Fuss unterwegs zu sein. Corona hat diese Entwicklung beschleunigt und auch dazu geführt, dass wieder mehr Menschen das Auto benützten. 

Bild: Christian Keller

Wie stark hat das U-Abo in den letzten zwei Jahren gelitten?

Insgesamt beläuft sich die Einbusse im Vergleich zu 2019 auf rund 20 Prozent. Die Unterschiede in den verschiedenen Alterssegmenten sind aber hoch. Bei den Jugendlichen und Senioren betrug der Rückgang rund 10 Prozent. Bei den Erwachsenen im Alter von 25 bis 65 Jahren – viele Berufstätige waren im Homeoffice tätig – verloren wir hingegen 27 Prozent. Inzwischen steigen die Zahlen wieder, aber nicht mehr in dem Ausmass, wie wir es vor Corona kannten. 

Warum sind Sie vom «U-Abo Freizeit» über­zeugt? 

Weil es sich um ein attraktives, preiswertes Angebot handelt, das die Vorzüge des ÖV unterstreicht. Mit dem «U-Abo Freizeit» kommen Sie abends und an den Wochenenden überall bequem hin. Sie können den Restaurantbesuch sorglos geniessen und müssen auf Wein oder Bier nicht verzichten. Sie profitieren weiter davon, dass das Freizeit-Abo gleichermassen im gesamten trinationalen TNW-Gebiet gültig ist wie das U-Abo Original – also auch im grenznahen Ausland. Zu guter Letzt erhalten Sie Zugang zum U-Abo-Gutscheinportal, wo sich zahlreiche Sonderangebote von Mobilitäts-Angeboten bis hin zu solchen von lokalen Geschäften finden.

Was ich mich gefragt habe: Wie verhindern Sie, dass das neue Produkt nicht zur Konkurrenz für das bestehende U-Abo wird?

Ich denke nicht, dass da viele Überschneidungen bestehen. Die meisten Kundinnen und Kunden des U-Abos nutzen es auch tagsüber. Es kommen mir bloss Berufe mit Schichtbetrieb ab acht Uhr abends in den Sinn, für die möglicherweise der Wechsel zum «U-Abo Freizeit» interessant sein könnte. Gross ist diese Gruppe bestimmt nicht. Die Auswertung der ersten Verkäufe des «U-Abo Freizeit» bestätigen mich in dieser Annahme. Das «U-Abo Original» lohnt sich bereits bei drei Retourfahrten pro Woche innerhalb einer einzelnen Zone. 

«Bei einem positiven Echo dürfte es zahlreiche Nach­ahmer geben, zumal alle ÖV-Verbunde die Corona-Krise stark gespürt haben.»

Adrian Brodbeck, TNW-Geschäfts­führer

Wo überall bekommt man das «U-Abo Freizeit»?

Wir empfehlen den Kauf am Schalter oder über die Webseite u-abo.ch. Der Erwerb ist auch über den SwissPass möglich. 

Und die U-Abo-App?

Das Freizeit-Abo kann auf die U-Abo-App übertragen werden, der direkte Kauf in der App ist aber derzeit nicht möglich. Wir befinden uns aktuell in einer einjährigen Testphase. Das ist der Grund, weshalb wir noch nicht alle Funktionen freigeschaltet haben.

Welche Erfolgs­faktoren müssen erfüllt sein, damit Sie nach dem ein­jährigen Test weiter­machen?

Wir achten beim laufenden Markttest vor allem darauf, ob es uns gelingt, einerseits Neukunden zu gewinnen und andererseits diese auch zu halten. Das «U-Abo Freizeit» gilt bewusst für drei Monate, danach muss es verlängert werden. Wenn die Verlängerungsquote positiv ausfällt, sind wir auf Kurs. Ansonsten müssen wir die geringe Nachfrage analysieren und weitere Schlüsse daraus ziehen.

Betreten Sie mit dem «U-Abo Freizeit» Neu­land oder gibt es bereits bestehende Angebote, die Sie sich zum Vor­bild genommen haben?

Der TNW ist der erste Verbund in der Schweiz, der testweise ein Freizeitabo in dieser Form eingeführt hat. In der Schweiz nehmen wir somit eine Vorreiterrolle ein. Wir teilen unsere Erfahrungen auch innerhalb der Branchenorganisation «Alliance SwissPass». Bei einem positiven Echo dürfte es zahlreiche Nachahmer geben, zumal alle ÖV-Verbunde die Corona-Krise stark gespürt haben. Derzeit laufen schweizweit diverse Markttests mit neuen ÖV-Sortimenten, zu welchen wir uns innerhalb der Branche auch austauschen. Die Statistik spricht jedenfalls für uns.

Wie meinen Sie das?

Die Auswertungen zeigen, dass die täglichen Pendlerbewegungen eher abnehmen, während der Freizeitverkehr zunimmt. Ich erachte es deshalb für den genau richtigen Zeitpunkt, um den Kundinnen und Kunden nun ein zusätzliches U-Abo-Modell zu offerieren, das ihren geänderten Mobilitäts-Bedürfnissen entspricht.

175 Jahre Bahn

Grosses Fest­programm am Wochen­ende

Das kommende Wochenende vom 21. und 22. Mai steht ganz im Zeichen des nationalen Jubiläums «175 Jahre Bahn». Überall im Land finden Veranstaltungen statt, so auch in der Region Basel.

Konkret wird zu Führungen durch das historische Basler Bahnhofsgebäude eingeladen, die BVB führen zwei Tage der Offenen Türe durch, die BLT stellt die neue Waldenburgerbahn vor, Mobilitätsanbieter wie PickeBike präsentieren sich oder es gibt eine Führung durch das Smart City Lab auf dem Wolf.

Das vollständige Programm mit dem zahlreichen Events findet sich auf der Jubiläums-Webseite.

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Christian Keller

Christian Keller

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