«Ich habe das Luxusproblem, die Produktion auszubauen»
Oettinger Davidoff-CEO Beat Hauenstein über die besten Geschäftszahlen aller Zeiten und immer strengere Werbeverbote.
Beat Hauenstein, CEO des Basler Familienunternehmens Oettinger Davidoff mit weltweit knapp 4'000 Angestellten, kann auf ein exzellentes Geschäftsfjahr 2022 zurückblicken (Prime News berichtete), bei dem Rekordzahlen verzeichnet wurden.
Der Aufwärtstrend habe auch im laufenden Jahr angehalten, erklärte der Spitzenmanager – er ist auch Präsident des Arbeitgeberverbands Region Basel – am Mittwoch anlässlich der Jahresmedienkonferenz.
Im ausführlichen Interview mit Prime News spricht Hauenstein über die weiteren Ausbaupläne des Premium-Zigarrenproduzenten, aber auch über immer schärfere Tabak-Werbeverbote rund um den Globus – und über seine Enttäuschung, dass die Schweiz «unsinnige EU-Richtlinien» übernehme. Das Gespräch fand am Firmenhauptsitz im «Maison Davidoff» an der Basler Nauenstrasse statt.
Oettinger Davidoff blickt auf das beste Jahresergebnis aller Zeiten zurück. Das ist erstaunlich. 2022 liefen die Börsen richtig schlecht, es herrschte Inflation und in der Ukraine dauerte der Krieg an.
Beat Hauenstein: Es stimmt, die Zeiten sind von Unsicherheiten geprägt. Allerdings hatte ich mir 2017 bei meinem Amtsantritt als CEO mit dem Team vorgenommen, uns mit einer tragfähigen Strategie konsequent auf unsere Kernfähigkeiten zu fokussieren – also auf die Herstellung und Verfügbarkeit unserer erstklassigen handgemachten Premiumzigarren, um so unseren Kundinnen und Kunden einzigartige Genusserlebnisse zu ermöglichen.
Welche anderen Aspekte waren relevant?
Ein wesentlicher Punkt, um unsere Kundenversprechen einzulösen, ist die Sicherstellung der gesamten Wertschöpfungskette von «Crop-to-Shop». Darunter ist die Steuerung aller Prozesse zu verstehen – von der Kreation der Tabaksamen bis zur Auslieferung der fertigen Produkte in die Geschäfte. Dies war in der Pandemie ausschlaggebend, denn wir konnten agil und flexibel agieren und unsere Kundschaft auf der ganzen Welt ohne Lieferunterbrüche beliefern.
2022 stand im Zeichen des Wachstums: 40 Mio. Franken mehr Umsatz, Personalbestand um 600 Angestellte erhöht, handgemachte Premiumzigarren-Produktion um 26 Prozent gesteigert. Ist die Pandemie also ausgestanden?
Ja, diesen Eindruck haben wir. Es war eine schwierige Zeit und fühlte sich an, als hätte uns jemand einen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Allerdings gehörte es in der 148-jährigen Geschichte von Oettinger Davidoff dazu, immer wieder unternehmerisch geschickt eine Antwort auf Krisen zu finden. Das ist sozusagen Teil unserer DNA. Nun sehe ich mich als CEO mit dem «Luxusproblem» konfrontiert, die Manufaktur weiter auszubauen und die Produktion um 50 Prozent zu steigern.
«Es bringt nichts, wenn wir die zahlreichen Regulierungs-Vorstösse als Allergie betrachten und gereizt darauf reagieren. Sie sind Teil unserer Realität.»
Beat Hauenstein, CEO Oettinger Davidoff
Auch das ist doch bemerkenswert. Ich meine, weltweit unternehmen die Behörden grosse Anstrengungen, Tabakwerbung zu verbieten und mit immer schärferer Regulierung das Rauchen zu verbannen.
Was da stattfindet, hat in der Tat nichts mehr mit rationaler Politik zu tun. Gewisse überzeugte Gesundheitsleute, die zu wissen glauben, was für alle Menschen gut ist, überhöhen ihr moralisches Selbstbild zu einer politischen Meinung und definieren dann, was es braucht, um die Bevölkerung ins Korsett des Gutmenschen reinzuzwängen. Darauf muss man intelligent reagieren.
Wie meinen Sie das?
Es bringt nichts, wenn wir die zahlreichen Regulierungs-Vorstösse als Allergie betrachten und gereizt darauf reagieren. Sie sind Teil unserer Realität. Unsere Produkte müssen in allen Märkten den mannigfaltigen geltenden Compliance-Richtlinien entsprechen, was zwar eine Herausforderung darstellt, aber unumgänglich bleibt. Zum Erfolg von Oettinger Davidoff gehört wie erwähnt dazu, über diese Fähigkeiten zu verfügen und dadurch flexibel und agil auf Veränderungen reagieren zu können.
Aber nochmals: Die Auflagen werden immer krasser. Wird Ihnen nicht die Geschäftsgrundlage entzogen?
Gegenfrage: Was hat seinerzeit die Prohibition in den USA gebracht? Es ist doch so: Das Bedürfnis nach einer guten Zigarre wird bleiben. Als Unternehmen sind wir aber gefordert, nicht nur an die beste und gleichbleibende Qualität zu denken, sondern auch an die Verfügbarkeit der Produkte in den verschiedenen Märkten. Oettinger Davidoff ist als einziger Premiumzigarren-Brand in über 130 Ländern präsent. Das gibt uns eine hohe Visibilität. Ausserdem erfüllen wir kontinuierlich die Kundenbedürfnisse und lösen somit unsere Kundenversprechen ein. Das ist ganz wichtig.
Die EU verpflichtet die Tabakfirmen ab 2024 zu einem «Track & Trace»-Verfahren: Es ist jederzeit nachzuweisen, wo sich eine Zigarette respektive eine Zigarre befindet. Also ähnlich wie bei den Medikamenten. Was halten Sie davon?
Zunächst muss ich meiner Enttäuschung Ausdruck verleihen, dass die Schweiz diese unsinnigen EU-Richtlinen übernommen hat und weiter übernehmen wird. Das passt nicht recht zum Bild des liberalen Kleinstaates. Aber zu Ihrer Frage: Der Kunde hat rein gar keine Vorteile von diesem neuen System. Darum geht es der EU aber auch gar nicht.
Warum geht es dann?
Die EU und allgemein der Gesetzgeber will die Geschäftsprozesse komplexer machen und dadurch die Kosten erhöhen, was wiederum die Rentabilität drücken soll. Es soll erreicht werden, dass die Tabakindustrie nicht mehr interessant ist für Investoren. Der angebliche Schutz von Kindern und Jugendlichen ist bloss vorgeschoben.
Nach dem Ja zur Volks-Initiative «Ja zum Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Tabakwerbung» läuft im Bundesparlament die Vernehmlassung. Der Bundesrat ist vorgeprescht und fordert ein generelles Werbeverbot im Internet wie auch in allen elektronischen Medien. Wie kommt das bei Ihnen an?
Da sieht man, wie doppelbödig die Politik ist. Selbstverständlich ist beim Rauchen niemand gegen den Kinder- und Jugendschutz. Allerdings wird dieser Schutz längst praktiziert, und zwar mit einem Kodex, den wir uns wie viele andere der Branche bereits seit vielen Jahren selbst auferlegt haben. Während des Abstimmungskampfs wurde behauptet, es werde kein allgemeines Werbeverbot angestrebt. Nun passiert das Gegenteil. Man hat sich mit dem Ja zur Initiative ein trojanisches Pferd ins Haus geholt.
Im Bundesrat besteht eine bürgerliche Mehrheit. Und trotzdem ein solcher Hardcore-Entscheid. Was ist da los?
Ich kann mir das auch nicht erklären. Aber läuft es nicht öfters so? Der Bundesrat entschied jedenfalls ohne wirklichen Druck und schiesst nun über das Ziel hinaus. Umso weniger ist die Forderung nach einem generellen Werbeverbot im Onlinebereich nachvollziehbar.
Gesundheitsminister Alain Berset (SP) hat seinen Rücktritt angekündigt. Die Tabakbranche hatte mit ihm das Heu nie auf derselben Bühne. Was erwarten Sie für die Zukunft?
Erwartung scheint mir das falsche Wort, Hoffnung trifft es besser. Bundesrat Alain Berset ist bekanntlich ein regelmässiger Zigarrengeniesser, was mich ja eigentlich freut. Politisch haben wir davon zu keinem Zeitpunkt etwas gespürt. Die Bilanz ist mehr als nur nüchtern. Ob sich das künftig ändert? Da habe ich so meine Zweifel.
Sie haben an der Jahresmedienkonferenz gesagt, dass Sie wenig von «Greenwashing» halten. Warum diese Bemerkung?
Schauen Sie, als Basler Traditionsunternehmen in Familienbesitz müssen wir nicht wie andere Firmen alle Massnahmen medial an die grosse Glocke hängen, die wir im Zusammenhang mit unserem nachhaltigen und sozialen Engagement betreiben. Da halten wir uns lieber vornehm zurück. Wir haben für unsere ESG-Roadmap aus den UN-Nachhaltigkeitszielen sechs Ziele ausgesucht, bei denen wir eine Differenz machen können.
Können Sie ein paar Beispiele nennen?
2022 haben wir an unserem Produktionsstandort in der Dominikanischen Republik eine Softball-Anlage sowie eine Schule eröffnet, damit die Kinder der Mitarbeitenden Englisch lernen können und so bessere Zukunftschancen haben. Darauf bin ich wirklich stolz. Ausserdem haben wir den Wasserverbrauch auf den Plantagen durch Tropfbewässerung um 80 Prozent reduziert. Aber wie erwähnt: Statt gross über solche Projekte zu reden, machen wir sie lieber.
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