02.07.2024 Prime News aktuell 48 minMinuten Lesedauer

Er war ganz unten – nun hilft er Anderen

Roger Glanz­mann lebt seit zehn Jahren mit psychi­schen Be­ein­träch­tigungen – und be­rät Betroffene beim Wieder­einstieg im Job.

Er war ganz unten – nun hilft er anderen Betroffenen

Bild: Luca Thoma

Mentale Gesundheit und die «Work-Life-Balance» sind ein Dauerthema in vielen Gesprächen. Doch wie kommen Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen konkret in der Arbeitswelt zurecht? Mit welchen Herausforderungen haben sie am Arbeitsplatz zu kämpfen – und wie können sie diese gemeinsam mit Kollegen und Vorgesetzten meistern?

Einer, der sich aus eigener Erfahrung bestens mit der Thematik auskennt, ist der heutige Gast im «Prime News aktuell»-Podcast, Roger Glanzmann. Der gebürtige Muttenzer wuchs behütet auf und arbeitete nach der Schulzeit lange Jahre auf diversen Arbeitsstellen: als Velokurier, am Hafen, als Sachbearbeiter, als Berufsmilitär in der Kaserne. 

«Ich funktionierte gut. Ich habe sehr gerne gearbeitet», sagt er rückblickend im Gespräch mit Redaktor Luca Thoma. Doch im Alter von 35 Jahren erlitt Glanzmann 2014 ein schlimmes Burnout – und kämpft seither mit psychischen Beeinträchtigungen, etwa Angstzuständen und Depressionen. 

Er fand wieder Boden unter den Füssen

Nachdem ihm der Berufseinstieg nach dem Burnout wiederholt nicht gelang und er jahrelang zwischen Alltag und Klinik pendelte, zog Glanzmann vor circa fünf Jahren die Notbremse: Er zügelte in eine betreute Wohngruppe im Gellertquartier, um wieder Struktur in seinen Alltag zu bringen.

Auch vom Wunsch, wieder auf seinem alten Job in der Kaserne zu arbeiten, musste er sich verabschieden. Stattdessen trat er eine geschützte Stelle in der Buchhaltung einer Arbeitsintegrations-Firma an. Durch diesen Schritt gelang es Glanzmann, sich neu zu sortieren und wieder Boden unter den Füssen zu finden.

Seit 2023 lebt er wieder selbstständig mit seiner Frau zusammen in Bubendorf, verbringt viel Zeit in der Natur und macht gerne Musik. Mit diversen Tricks und Strategien hat er gelernt, seinen Alltag zu bewältigen: Unter anderem betritt er einen Supermarkt antizyklisch durch den Kassenbereich, um Angstzustände zu vermeiden. 

Wie Glanzmann anderen Betrof­fenen helfen will

Glanzmann geht weiterhin in Therapie und hat ein «Frühwarn-System» für sich selbst kreiert. Für die Podcast-Aufnahme kommt er aus einer Klinik ins Prime News-Büro, wo er mehrtägige «Krisenintervention» macht, da er bei sich zuvor «eine Veränderung der Suizidalität» beobachtet hatte.

Trotz – oder gerade wegen – solcher «Interventionen» fühlt sich der ehemalige Berufsmilitär heute deutlich stabiler und ausgeglichener als noch vor einigen Jahren. Die Strategien, die ihm dabei halfen, zurück ins Leben zu finden, will Glanzmann nun an andere Betroffene weitergeben.

Aus diesem Grund hat er seine eigene Beratungs-Firma «coach-bar» gegründet, mit der er Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen berät, die versuchen, in der Arbeitswelt Fuss zu fassen.

Er sieht sich dabei als «Verbindungselement» zwischen Klinik und Jobwelt und hilft den Betroffenen, sich auf einer neuen Stelle zurechtzufinden – sei es durch die Empfehlung von Alltags-Tricks oder Gespräche mit den Vorgesetzten, bei denen Glanzmann «dolmetscht».

Forderung nach besserer HR-Schu­lung

Im «Prime News aktuell»-Podcast analysiert Glanzmann auch, welche Herausforderungen und «Baustellen» es auf dem Schweizer Arbeitsmarkt für Menschen mit Beeinträchtigungen gibt.

So findet er etwa, die Firmen sollten ihr HR ausbauen und die dortigen Mitarbeitenden besser zu Fragen der psychischen Gesundheit schulen, damit diese «dem Einzelnen gerecht» werden können. Ausserdem will er sich für eine stärkere Sensibilisierung und mehr Präventionsarbeit an den Gewerbschulen einsetzen. 

Glanzmann versteht aber auch kleinere Unternehmen, die es sich wirtschaftlich nicht leisten können, Menschen anzustellen, die oft ausfallen: «Ein Geschäft kann daran zugrunde gehen, wenn die Arbeitslast auf zu wenige Schultern verteilt wird.»

Ausserdem stellt der Baselbieter klar: «Nur wenige psychische Erkrankungen werden durch die Arbeit ausgelöst.» Viele Arbeitgeber bemerkten es zudem oft nicht, dass ihre Angestellten unter psychischen Problemen leiden, «weil wir Menschen verdammt gute Schauspieler sind.»

Daher hofft Glanzmann, dass sich unser gesellschaftlicher Umgang mit psychischen Krankheiten verändert und das Thema eines Tages tabufrei diskutiert werden kann – so wie die Belange von Rollstuhlfahrern oder anderen körperlich Behinderten. Er zeigt sich überzeugt: «Das Klima wird immer offener.»

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Luca Thoma

Luca Thoma

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