Wo würden Sie den Rotstift ansetzen, Herr Wallraff?
Martin Wallraff übernimmt ab August 2027 als Rektor der Universität Basel. Das sagt er zu den Hürden, die auf ihn zukommen.
Die Universität Basel hat einen neuen Rektor gewählt (Prime News berichtete). Martin Wallraff (60) übernimmt im August 2027 das Steuer von Andrea Schenker-Wicki. Am Freitagmorgen, wenige Stunden nach seiner Wahl, wurde er den hiesigen Medien präsentiert. Von 2006 bis 2015 war er bereits an der Uni Basel tätig. Aktuell lehrt er an der Universität in München.
«Martin Wallraff hat als Kandidat am meisten überzeugt», sagt Ralph Ubl, Vorsitzender der Regenz. Der Kirchenhistoriker hat sich gegen 34 Bewerberinnen und Bewerber durchgesetzt – auch Naturwissenschaftler, so Ubl auf Nachfrage von Prime News. Walraff habe ein Blick auf die Uni als Ganzes – eben auch die wichtigen Life Sciences. Das sei entscheidend.
Auf den künftigen Rektor kommen grosse Herausforderungen zu. Allen voran die Finanzierung der Uni durch die Trägerkantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft. Im Baselbiet gibt es Kräfte, die weniger Geld für die Uni ausgeben wollen und eine Spezialisierung der Bildungsinstitution auf die Life Sciences fordern. Im Kurzinterview mit Prime News nimmt Wallraff erstmals Stellung.
Herr Wallraff, Sie haben die Uni Basel 2016 in Richtung München verlassen. Was hat Sie jetzt konkret dazu bewogen, als künftiger Rektor zurückzukehren in die Region?
Ich habe die Universität Basel damals nicht verlassen, weil ich sie nicht mochte oder weil ich da keine gute Zeit hatte, sondern im Gegenteil, ich habe aus meiner Zeit als Professor eine Liebe zu dieser Institution mitgenommen und hatte jetzt das Gefühl, es sei eine gute Herausforderung in neuer Funktion, dieser Universität etwas zurückzugeben von dem, was ich hier empfange und gelernt habe.
Sie sind Kirchenhistoriker. Was qualifiziert ausgerechnet einen Theologen dafür, eine Universität zu führen, deren Aushängeschild die Life Sciences sind?
Ich glaube, es geht nicht speziell um den fachlichen Hintergrund, den ich persönlich mitbringe. Sondern es ist wichtig für eine Universität, dass sie von einer Person geleitet wird, die den Wissenschaftsbetrieb von innen aus eigener Erfahrung und in unterschiedlichen Dimensionen kennt. Insofern ist das fachliche Profil, das ich mitbringe, weniger wichtig als die Tatsache, dass ich Führungserfahrung habe und die Universität als Institution gut kenne, schätze und auch gerne vertreten werde.
Sie kommen in einer Zeit ins Amt, in der schwierige Verhandlungen mit den Trägerkantonen auf Sie zukommen. Im Baselbiet gibt es grosse Vorbehalte zur Finanzierung. Wie wollen Sie die Politik davon überzeugen, dass sich die Investitionen weiterhin lohnen?
Wir werden sicher ein gutes Argumentarium brauchen, um der Gesellschaft in der Region insgesamt zu erklären, warum die Universität nützlich und nötig ist und diese Region insgesamt stärkt. Ich möchte im Moment nicht in die Einzelheiten dieser Diskussion eintreten. Ich habe jetzt neun Monate Zeit, mich in die Dossiers im Einzelnen einzuarbeiten. Aber man kann schon sagen: Die Existenz der Universität ist für die Region ein grosser Vorteil – und jeder Franken, der hier investiert wird, wird mehrfach Rendite tragen.
So hat man bisher immer argumentiert. Sie machen sich sicher konkrete Gedanken, was Sie bei den Verhandlungen anders machen können.
Es ist nicht so, dass bisher eine falsche Argumentation vertreten worden ist. Es ist ganz sicher die Linie, die auch weiter grundlegend für die Institution ist. Aber es kommt dann in den Einzelfragen sehr darauf an, wie man das inhaltlich und gedanklich mit Substanz füllt und wie man auf dieser Basis erklären kann, warum das nicht nur 566 Jahre eine gute Tradition war, sondern auch in der Zukunft Potenzial hat.
Es kommt immer wieder die Frage auf: Brauchen wir eine Volluniversität hier in Basel? Aus der Politik gibt es Strömungen, die am liebsten den Rotstift bei den Geisteswissenschaften ansetzen würden. Was entgegnen Sie?
Wichtige jüngere Entwicklungen, dazu gehört besonders die Entstehung von künstlicher Intelligenz, machen sehr deutlich: Wir brauchen ein breites Spektrum, um den Herausforderungen gerecht werden zu können. Denn die künstliche Intelligenz ist ein gutes Beispiel für ein Phänomen, das als ein im Grunde technisches Phänomen begonnen hat, aber jetzt eine gesellschaftliche, juristische, ethische Herausforderung für uns alle geworden ist. Dem können wir gerecht werden im Rahmen einer solchen Institution, die ein sehr breites Spektrum von Fächern vertritt – und dem können wir nicht gerecht werden in einer rein technischen Hochschule.
Trotzdem: Angenommen, die Uni müsste künftig mit weniger Geld auskommen. Wo würden Sie sparen?
Wir sind glücklicherweise im Moment nicht in der Situation, heute eine Art Sparplan oder Sparkonzept vorlegen zu müssen. Schon gar nicht ich – ich bin gestern gewählt worden und es wird noch viel Zeit geben. Aber ich blicke im Moment eigentlich eher optimistisch in die Zukunft.
Worauf freuen Sie sich am meisten im neuen Amt, das ab August 2027 auf Sie zukommt?
Auf die Begegnung mit den Menschen, mit den Stakeholdern der Universität: Studierende, Mitarbeitende, Kolleginnen und Kollegen. Es ist eine Versammlung von unglaublich interessanten Persönlichkeiten und Individuen, mit denen man es zu tun hat. Auch Leute, von denen ich persönlich ganz viel lernen kann, die Dinge können, die ich nicht kann und nie können werde. In diesem Austausch zu sein, aus diesen vielen unterschiedlichen Perspektiven ein Team zu bilden, das ist, denke ich, das Schönste an diesem Amt.
Zur Person
Martin Wallraff wurde 1966 in München geboren. Er studierte evangelische Theologie in München, Rom und Heidelberg und promovierte 1996 an der Universität Heidelberg. Vier Jahre später habilitierte er sich an der Universität Bonn im Fach Kirchengeschichte. 2002 wurde er in Rom zum Pfarrer ordiniert.
Nach einer Professur an der Universität Jena wechselte Wallraff 2005 an die Universität Basel, wo er bis 2016 als Professor für Kirchen- und Theologiegeschichte tätig war. Von 2012 bis 2014 amtete er als Dekan der Theologischen Fakultät.
2016 wechselte er an die Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er seither den Lehrstuhl für Ältere Kirchengeschichte innehat. Seit 2025 ist er zudem Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Im August 2027 kehrt Wallraff als Rektor an die Universität Basel zurück. (as)
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