ACS-Forum: Wirtschaftsprofessor über Heilige und Scheinheilige
Rainer Eichenberger sprach im Bottminger Schloss zur Kostenwahrheit im Verkehr – und forderte die Abschaffung sämtlicher Subventionen.

Rainer Eichenberger, Professor für Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg, ist ein blitzgescheiter Mann, der schnell spricht und noch schneller rechnet. Sein Referat, das er am Donnerstagabend im Bottminger Schloss anlässlich des ACS-Verkehrsforums hielt, glich einem Trommelfeuer an Fakten, Thesen, Schlussfolgerungen.
«Kostenwahrheit und Kostenscheinwahrheit im Verkehr – Heilige und Scheinheilige in der Politik» lautete die Überschrift, die der Ökonom für seinen Vortrag ausgesucht hatte.
Ob die Gäste im Saal – darunter viel Prominenz aus Politik und Wirtschaft – jeder Aussage Eichenbergers zu folgen vermochten, darf bezweifelt werden. Auch der Schreibende kam nicht überall mit, das Tempo an komplexen Gedankengängen war ganz einfach zu hoch.
Nutzen des Öffentlichen Verkehrs hinterfragt
Die wesentlichen Aussagen – manche werden aufjaulen – lassen sich indes auf einen Nenner bringen. Sie haben die Sprengkraft einer Tonne Dynamit: Entgegen der allgemeinen Annahme und «Behauptung seitens der Behörden» schneide der Öffentliche Verkehr im Vergleich zum Motorisierten Individualverkehr nämlich alles andere als gut ab, analysierte Eichenberger.
Als Beleg präsentierte er ein Zahlenmodell, das er auf amtliche Statistiken abstützte: Während unter Berücksichtigung der negativen Externalitäten (Lärm, Unfälle, CO2-Ausstoss etc.) sowie Einberechnung aller Subventionen das Auto 7,3 Rappen pro Personenkilometer koste, liege der Wert bei Tram und Bus um ein Vielfaches höher, nämlich bei 50,1 Rappen pro Personenkilometer.
Eichenbergers Fazit: «Der forcierte Ersatz des Privatverkehrs durch den Öffentlichen Verkehr ist gesamtgesellschaftlich schädlich.»
Auch das Velo kam in der Bilanz «als ganz schlechtes Verkehrsmittel» (30 Rappen pro Personenkilometer) weg, doch bei diesen Ausführungen wurde der Redner kurzzeitig unterbrochen: ACS-Direktor Christian Greif musste der illustren Runde im Schloss vermelden, dass drei Falschparker doch bitte ihr Auto umparkieren sollten, weil sie die Ausfahrt blockierten.
Zu den «Sündern» gehörte auch der Baselbieter Finanzdirektor, was die allgemeine Heiterkeit unter den Anwesenden zusätzlich steigerte.
Mobility Pricing als Zukunftsmodell
Doch zurück zu den schonungslos vorgetragenen Überzeugungen Eichenbergers, der sich für die komplette Streichung aller Subventionen im Verkehr aussprach. In einem Ausblick zeigte er sich überzeugt, dass der Wandel hin zur Elektromobilität ein «Gamechanger» sei.
Weil die wesentlichen Einnahmen aus den Treibstoff-Abgaben mit der Zeit wegfielen, würde voraussichtlich das Mobility-Pricing (also eine Art Strassenzoll) zur neuen Ertragsquelle des Staates – wobei Eichenberger die erneute Zweckentfremdung der Mittel befürchtete.
Was man schlussendlich mit den teils radikalen Ansichten des Wissenschaftlers anfing, blieb jedem Teilnehmenden sich selbst überlassen. Beim anwesenden Direktor eines öffentlichen Transportunternehmens hielt sich die Begeisterung stark in Grenzen, andere empfanden Eichenbergers Einschätzungen als Bereicherung und Ansporn, endlich einmal eine «Grundsatzdebatte» zu den Kosten im Verkehr zu führen.
In jedem Fall konnte der ACS beider Basel seinem eigenen Anspruch gerecht werden. So hatte Präsident Andreas Dürr anfangs der Veranstaltung das ACS-Verkehrsforum als Plattform beschrieben, wo sich «intelligente Leute in gepflegtem Rahmen» mit der Verkehrsproblematik auseinandersetzten.
Es sei ausserdem das Ziel aufzuzeigen, dass «Autofahrerinnen und Autofahrer nicht so böse sind, wie es immer wieder dargestellt wird», sagte Dürr. Die Statistiken Eichenbergers dürften ihm ausgesprochen gut gefallen haben. (ck)
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