09.01.2023 News aus der Region

Pharma-Verband sieht Standort Schweiz in Gefahr

EU, Digitalisierung, Zugang zu Medikamenten: Inter­pharma warnt davor, dass das Land den Anschluss verpasst.

Die Roche-Türme dominieren das Basler Stadtbild: Aber wie lange kann die Branche ihre Spitzenposition noch halten? Bild: Bilddatenbank BS

Die Pharma-Branche ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Schweiz, wenn nicht sogar der wichtigste: Diese Botschaft betonten die Vertreter des Branchenverbandes Interpharma an dessen virtuellen Jahresmedienkonferenz am Montagvormittag. 

46'200 Beschäftigte, eine Wertschöpfung von 37 Milliarden Franken, ein Anteil von fast 45 Prozent an den gesamten Schweizer Güter-Exporten: Die Eidgenossenschaft – und insbesondere die Region Basel – ist ein Pharma-Powerhaus. 

Am Horizont ziehen allerdings dunkle Wolken auf. Zumindest warnte der Verband am Montag davor: «Die Spitzenposition des Pharma-Standorts Schweiz ist gefährdet», sagte Interpharma-Präsident Jörg-Michael Rupp vor den Medien. 

Konkret nannte Rupp drei Bereiche, bei denen es gemäss Interpharma zeitnah eine Lösung braucht: Das Verhältnis der Schweiz zur EU, die Digitalisierung des Gesundheitswesens sowie der Zugang der Patientinnen und Patienten zu innovativen Medikamenten. 

Die Sache mit der EU

Da wäre zunächst die EU: Seit dem Abbruch der Verhandlungen über ein Rahmenabkommen durch den Bundesrat im Frühjahr 2021 herrscht mehr oder weniger Stillstand in dieser Frage. 

Gemäss Interpharma-Präsident Rupp stellt dies nicht nur für die Pharma-Branche zunehmend ein Problem dar: «Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz hängt von guten und geregelten Beziehungen zur EU ab.» Die schleichende Erosion der bilateralen Beziehungen würde den Standort zunehmen gefährden.

Rupp verwies unter anderem auf die Überarbeitung der EU-Arzneimittelvorschriften und das Problem der gegenseitigen Anerkennung. Der Verband erwarte, dass der Bundesrat die Verhandlungen mit Brüssel wieder aufnehme. Schliesslich gingen 48 Prozent der Pharma-Exporte in EU-Länder. Diese seien der «mit Abstand wichtigste Absatzmarkt». 

«Die Schweiz und die Pharma-Branche brauchen dringend Stabilität in den Beziehungen zur Europäischen Union», so Rupp.

Knackpunkt Digitalisierung

Auch bei der Digitalisierung der Gesundheitsdaten sowie der Verfügbarkeit derselben für die Forschung forderte Rupp die Politik dazu auf, einen Gang hochzuschalten. 

«Der Bundesrat muss diese Angelegenheit endlich zur Chefsache erklären», so der Interpharma-Präsident. Schon seit Jahren beklagen Vertreter der Pharmaindustrie, dass die Schweiz in punkto digitalen Gesundheitsdaten hinterherhinkt, zuletzt etwa Roche-CEO Severin Schwan.

Die Situation sei «extrem besorgniserregend», sagte Schwan am «Life Sciences Cluster Forum» im letzten November (Prime News berichtete). Der Roche-Chef warnte davor, dass die Forschung zunehmend ins Ausland ausgelagert werde, wenn die Schweiz in dieser Sache nicht vorwärts mache. 

Ins gleiche Horn stiess Interpharma-Präsident Rupp heute Montag: «Viele andere Länder sind uns um Längen voraus.» Es bestehe die «grosse Gefahr», dass die Schweiz weiter den Anschluss verliere. 

Ein Rufer in der Wüste?

Interpharma-CEO René Buholzer und Katrien de Vos, Chair Executive Committee beim Branchenverband, kamen schliesslich auf den Zugang zu neuen Medikamenten zu sprechen. 

So fordert der Verband etwa, dass neue Wirkstoffe bereits ab dem Tag der Marktzulassung durch Swissmedic den Patienten zur Verfügung gestellt werden. Heute gibt es hier teils Verzögerungen von bis zu über einem Jahr. 

Insgesamt hat der Verband an seiner Jahresmedien-Konferenz wenig Neues präsentiert: Die Forderungen nach einem stabilen Verhältnis zur EU sowie der Digitalisierung der Gesundheitsdaten sind altbekannt. 

Auf die Frage von Prime News, ob Interpharma mit diesen mantramässigen Botschaften nicht langsam zu einem Rufer in der Wüste werde, sagte Verbands-CEO Buholzer, dass man sich insbesondere bei der EU bewusst sei, dass die Sache komplex ist. 

Aber: «Nichtsmachen ist auch keine Option. Wir sehen es als unsere Pflicht als Branchenverband, darauf hinzuweisen, wie zentral diese Beziehungen für unseren Standort und unseren Wohlstand sind.» 

Text: Oliver Sterchi

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