«Sehr dynamische Kriminalität»: Cybersecurity-Experte Ivano Somaini sprach am Bankenforum
Geklonte Stimmen und Fake-Videos: Die Basler Bankenvereinigung thematisierte die immer perfideren Manipulationen im Internet.
Eine Stimme in drei Sekunden klonen, Fake-Videos produzieren, künstliche Identitäten schaffen: Am Bankenforum der Basler Bankenvereinigung in der UBS-Schalterhalle zeigte Cybersecurity-Experte Ivano Somaini auf, mit welchen perfiden Manipulationen die Kriminellen mittlerweile die Leute aufs Kreuz legen.
«Die Kriminalität ist sehr dynamisch. Die Täter sind anpassungsfähig und kreativ. Sie optimieren ihre Techniken ständig», sagte Somaini im Gespräch mit Prime News.
Wie schnell aus öffentlich zugänglichen Informationen ein Angriffsszenario wird, machte Somaini dem Publikum eindrücklich klar. Während früher Daten vor allem heruntergeladen wurden, sei heute eine «Upload-Generation» herangewachsen, die immer mehr Privates ins Netz stellt.
«Vor 20 Jahren wäre es viel schwieriger gewesen, an Informationen über eine Person zu kommen», so der Experte. Heute genügten dafür rund 30 Minuten Recherche auf Social Media – genug, um ein Szenario zu modellieren, auf das das Opfer mit hoher Wahrscheinlichkeit hereinfällt.
Dann wurde es eindrücklich – man könnte auch schreiben: beängstigend. In einem Live-Experiment ermittelte Somaini innert einer Minute Name, Grösse und Arbeitgeber einer Person. Ein hochgeladenes Foto liess sich einem zwei Jahre zurückliegenden Event in einer Menschenmenge zuordnen.
Bevölkerung auf Gefahren aufmerksam machen
Angesichts des Ausmasses der organisierten Kriminalität stellt sich die Frage, ob die Gesellschaft nicht überfordert ist. Dazu sagte Somaini: «Das ist eine berechtigte Frage. Wie bei jeder neuen Form von Kriminalität ist es wichtig, die Menschen zu sensibilisieren und sie auf die Gefahren aufmerksam zu machen.»
Die Künstliche Intelligenz spielt den Kriminellen zusätzlich in die Hände. Die technologische Entwicklung verläuft rasant: Deepfake-Videos erreichen eine Qualität, die es erlaubt, sich in einen Videocall einzuwählen und dabei wie eine andere Person auszusehen.
Am Forum demonstrierte Somaini, wie sich aus einem einzigen Bild eine fremde Identität erzeugen lässt. So ist es ein Leichtes, sich als Roger Federer auszugeben – oder als vermeintlicher Geschäftspartner, der dringlich eine Transaktion abwickeln möchte und um die Zahlungsfreigabe bittet.
Banken sind gefordert
Beim Internetbetrug handelt es sich um ein Multi-Multi-Milliardengeschäft – eine riesige Herausforderung für die Banken. Regula Berger, CEO der Basler Kantonalbank und Vizepräsidentin der Basler Bankenvereinigung, erklärte gegenüber Prime News: «Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Alleine letzte Woche erhielt das Bundesamt für Cybersecurity mehr als 1'000 Meldungen. Auch der Bankenombudsmann verzeichnet zunehmende Fälle.»
Was tun? Für Berger steht fest: «Als Bankenvereinigung müssen wir zusammenarbeiten, Transparenz schaffen und gegenseitig voneinander lernen. Ausserdem müssen wir investieren – in die Schulung des Bankenpersonals wie auch in die Aufklärung der Kundinnen und Kunden.»
Für die Bevölkerung bedeutet die rasante Entwicklung ein grundsätzliches Umdenken. Was ist echt und was nicht? Diese Frage kann nicht mehr so einfach beantwortet werden. Das verändert vieles. Somaini: «Heutzutage darf man nicht mehr etwas glauben, nur weil man es sieht oder hört. Man muss immer auch verifizieren.»
Das Risiko von Betrugsfällen verändert auch die Bankkundenbeziehung. «Es ist definitiv vorbei mit der Einfachheit, dass man einer Bank anrufen kann und dann Auskunft erhält. Wir verifizieren mit zusätzlichen Fragen, wer am Apparat ist», so Regula Berger.
Immerhin: Das E-Banking – auch mittels Face-ID – gelte als gut geschützt und sei sicher, sagte Ivano Somaini am Bankenforum. (ck)
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