Schlagzeilen
31.08.2019 Innovation 5 minMinuten Lesedauer

Millionen-Investments in eine virtuelle Welt

Der Basler Professor Fabian Schär erforscht komplizierte Kryptowährungen wie Bitcoin – und glaubt an eine grosse Zukunft.

«Eine Manipulation ist ausgeschlossen, da niemand über das Kontroll­monopol verfügt»: Fabian Schär, Professor und Leiter des «Center for Innovative Finance». Bild: Christian Keller

Sie gehören zu den grossen Themen unserer Zeit, obschon die Wenigsten etwas davon verstehen: Die Rede ist von der «Blockchain-Technologie» und «Bitcoin». Von letzterem lesen wir immer mal wieder in den Medien, weil entweder der Kurs exorbitant gestiegen oder in den Keller gerasselt ist.

Doch was sind «Blockchain» und «Bitcoin» – und weshalb haben sie das Zeug, die Welt fundamental zu verändern? Genau davon handelte das neuste «Uni konkret», der Veranstaltungsreihe der Handelskammer beider Basel, bei dem komplexe Wissenschaft und Forschung an der Universität Basel der Öffentlichkeit nähergebracht und erlebbar gemacht werden sollen.

Um es vorwegzunehmen: Auch wenn sich Fabian Schär, Professor und Leiter des «Center for Innovative Finance», alle Mühe gegeben hat, seine Ausführungen möglichst einfach und nachvollziehbar zu halten – bei vielem habe ich und wohl auch viele andere Zuhörer alsbald nur noch Bahnhof verstanden.

Denn diese fremde Welt, von der er in der Aula der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät berichtete, ist abstrakt und irgendwie auch verrückt, weil Leute bereit sind viel Geld auszugeben für Dinge, die nur digital existieren: Zum Beispiel eine Immobilie im Rotlichtbezirk einer digitalen Stadt.

Was ist eine Blockchain? Dieses Video gibt Auskunft.

«Die Blockchain ist eine öffentliche Datenbank, die alle gemeinsam führen können», begann Schär mit seinen Erklärungen. «Alle im Raum besitzen eine Kopie der Datenbank, niemand ist der Chef, alle können die Buchführung kontrollieren und dazu beitragen.»

Der Vorteil eines solchen dezentralen Systems liege auf der Hand: «Eine Manipulation ist ausgeschlossen, da niemand über das Kontrollmonopol verfügt. Bei einer Bank laufen alle Informationen bei ihr zusammen und können dort theoretisch manipuliert werden. Bei einer öffentlichen Blockchain ist dies nicht möglich», so Schär.

Zwar sei er überzeugt, dass die neue Technologie die Banken nicht bedrohen werde – «die Menschen werden auch weiterhin Institute brauchen, die sich um ihre Finanzen kümmern» –, nun bestünde aber eine Wahl. Gerade in Unrechtsstaaten hätten die Menschen dadurch die Chance, sich zu wehren.

«Bei traditionellen Datenbanken könnte ein Diktator auf die Einträge zugreifen und sie willkürlich verändern. Bei einer öffentlichen Blockchain besteht diese Option nicht».

Um verständlich zu bleiben, führte Schär häufig konkrete Beispiele ins Feld. «Nehmen wir an, Sie kaufen im Internet ein Buch über Amazon. Dann geben Sie Amazon mittels Verschlüsselung Ihre Kreditkartendaten bekannt. Die Firma ist die einzige Partei, welche Ihre Daten entschlüsseln kann.»

Bei der Blockchain sei es genau umgekehrt. «Die Transaktion ist für alle sichtbar und die Verschlüsselung dient stattdessen als Signatur. Dadurch kann sichergestellt werden, dass die Transaktion durch den Eigentümer ausgelöst und anschliessend nicht manipuliert wurde.»

Schär, zweifellos ein Superhirn, nannte einige zentrale Begriffe: Asymmetrische Kryptografie, privater und öffentlicher Schlüssel, Smart Contract, Token. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde es schwierig, der Materie noch zu folgen. 

Elisabeth Schneider-Schneiter, Präsidentin der Handelskammer beider Basel, erklärte nach dem Referat vor dem Publikum: «Ich gebe gerne zu, nicht alle Impulse verstanden zu haben. Aber darum geht es nicht. Wichtig ist, dass wir das Potential dieses Forschungsbereichs erkennen und Basel vielleicht zu einem Blockchain-Cluster heranwächst.» Bereits heute nehme die Universität Basel in diesem Bereich eine führende Rolle ein.

Immobilien nahe dem Rotlicht­bezirk sind besonders beliebt. Einblick in die virtuelle Welt von «Decentral­land». Bild: Decentralland

Benutzer investieren 12,5 Mio. Dollar in virtuelle Stadt

Schär berichtete von seiner Analyse der virtuellen Plattform «Decentraland». Die Benutzer haben die Möglichkeit, Parzellen einer digitalen Stadt mit 56 Distrikten zu erwerben.

Vor zwei Jahren gestartet, verzeichnete «Decentraland» bei der Auktion der Parzellen 1'641 Eigentümer, welche einen Grossteil der 90'601 Parzellen gekauft haben. Der investierte Betrag beläuft sich auf – kein Witz! – 12,5 Millionen US-Dollar.

In einer Forschungsarbeit untersuchte Schär, nach welchen Kriterien die Preisbildung in «Decentraland» erfolgt und ob es Parallelen zum realen Leben gibt. Eine der Erkenntnisse: Die Benutzer der virtuellen Plattform zeigen eine «riesige Zahlungsbereitschaft», wenn sie Immobilien nahe im Rotlichtbezirk kaufen können.

Eine mögliche Interpretation wäre, so Schär, dass diese Parzellen gut kommerzialisiert werden können.

Eine andere Innovation, die er im Zusammenhang mit der Blockhain demonstrierte, betrifft den Abwehrkampf gegen gefälschte Unizeugnisse. Die Situation ist gravierend: Eine ganze Industrie hat sich darauf spezialisiert gefälschte Diplome auszustellen. 

Schär ist mit dem Zürcher Startup-Unternehmen «BlockFactory» eine Zusammenarbeit eingegangen, bei welcher Kursbestätigungen der Universität Basel testweise in eine Blockchain eingefügt werden. Will ein Arbeitgeber wissen, ob er einen echten Studienabschluss in den Händen hält, unterzieht er das Dokument dem Blockchain-Test – und hat in Sekundenschnelle eine verlässliche Antwort.

Wie die Technik dahinter funktioniert, habe ich nicht begriffen. Aber das Resultat ist faszinierend. 

Partner der Rubrik Innovation
Christian Keller

Christian Keller

Gründer und Chefredaktor

Mehr über den Autor

Kommentare

max. 800 Zeichen

Regeln

Ihre Meinung zu einem Artikel ist uns hochwillkommen. Bitte beachten Sie dazu die nachfolgenden Regeln: Bitte beziehen Sie sich bei Ihrem Kommentar auf das Thema des Beitrags und halten Sie sich an den Grundsatz, dass in der Kürze die Würze liegt. Wir behalten uns vor, Kommentare zu kürzen. Geben Sie Ihren Namen an und benutzen Sie keine Namen anderer Personen oder Fantasienamen – ansonsten sieht die Redaktion von einer Publikation ab. Wir werden ferner Kommentare nicht veröffentlichen, wenn deren Inhalte ehrverletzend, rassistisch, unsachlich oder in Mundart oder in einer Fremdsprache verfasst sind. Über diesbezügliche Entscheide wird keine Korrespondenz geführt oder Auskunft erteilt. Weiter weisen wir Sie darauf hin, dass Ihre Beiträge von Suchmaschinen wie Google erfasst werden können. Die Redaktion hat keine Möglichkeit, um Ihre Kommentare aus dem Suchmaschinenindex zu entfernen.

     

 

 

 

     

 

 

 

     

 

 

 

     

 

 

 

Weitere Artikel
     

 

 

 
     

 

 

 
     

 

 

 

Newsletter

Abonnieren Sie jetzt den täglichen Prime News Newsletter.

 

zurück

  Schlagzeilen