«In der Adventszeit sind viele Menschen dünnhäutiger»
Seelsorgerin Cornelia Schmidt spricht über ihre Arbeit im Bruderholz-Spital und den Umgang mit harten Schicksalsschlägen.
Seit 17 Jahren ist die 52-jährige Pfarrerin Cornelia Schmidt als Seelsorgerin am Standort Bruderholz des Kantonsspitals Baselland tätig. Die verheiratete Theologin und vierfache Mutter begegnet in diesen Tagen Menschen, die Weihnachten wegen eine Unfalls oder Krankheit nicht zuhause verbringen können.
Manche kommen bald wieder auf die Beine, andere sehen sich mit einer schwerwiegenden Diagnose konfrontiert. Worüber wollen die Patientinnen und Patienten reden, wenn sie um ein Gespräch mit Cornelia Schmidt bitten? Und wie geht sie persönlich mit den teils harten Schicksalsschlägen um, die sie bei ihrer Arbeit mitbekommt?
Darüber erzählt Cornelia Schmidt in der neusten Ausgabe von «Prime News aktuell». Moderation: Christian Keller.
Lieber lesen statt hören? Einige Ausschnitte aus dem Interview werden unterhalb des Podcast-Players wiedergegeben.
Was sind die Themen, über welche die Patientinnen und Patienten in der Weihnachtszeit sprechen möchten?
Ich nenne als Beispiel eine Frau mittleren Alters, die wie so viele andere Menschen unlängst auf dem Glatteis ausgerutscht ist und einen Knochenbruch erlitten hat. Sie wurde mitten aus dem Leben gerissen, es ging ihr körperlich wie auch seelisch nicht gut. Doch ab dem dritten Gespräch mit ihr stellte ich einen Wandel fest: So sagte sie mir, sie habe plötzlich eine Veränderung festgestellt und sei gar nicht so unglücklich darüber. Nun seien es auf einmal die anderen Familienmitglieder, welche zu Weihnachten alles organisieren und kochen müssten. Das sei irgendwie auch positiv.
Eine Geschichte, die sich zum Guten wendet…
… ich finde das eine schöne Geschichte, die zeigt, wie solche Vorfälle manchmal eine Dynamik auslösen und eine interessante Veränderung bewirken.
Was für eine Stimmung nehmen Sie während den Festtagen im Spital wahr? Sind die Menschen emotionaler? Hat Weihnachten überhaupt noch eine tiefgründige Bedeutung?
Das spüre ich ganz eindeutig. Die Adventszeit wühlt viele Menschen auf und macht sie dünnhäutiger, auch wenn sie nur wenig Bezug zum Glauben oder der Religion haben. Das ist eine allgemeine Erfahrung, welche auch die Welt ausserhalb des Spitals betrifft.
Dünnhäutiger? Erleben Sie die Menschen in diesen Wochen nicht besinnlicher und überlegter?
Ich würde nicht sagen, dass Ihre Aussage falsch ist. Ohnehin sind nicht alle Menschen gleich oder leiden an der gleichen Krankheit. Aber doch, dünnhäutig trifft es ziemlich gut. Die Menschen sind hin- und hergerissen: Überall wird ihnen vermittelt, dass jetzt eine erwartungsvolle Zeit ansteht mit vielen Lichtern, die uns vorbereiten auf etwas Schönes. Wenn dieses Gefühl nicht übereinstimmt mit der persönlichen Lebenssituation, wenn der Körper oder die Seele leidet, führt diese Diskrepanz zu Dünnhäutigkeit.
Wieviel hat ihre Tätigkeit eigentlich mit dem Glauben zu tun? Die Entwicklung zeigt ja, dass immer mehr Leute aus den kirchlichen Institutionen austreten.
Es würde zu weit führen, dieses Thema an dieser Stelle zu vertiefen. Ich kenne viele Menschen, die mit der Kirche als Institution nichts mehr anfangen können, gleichzeitig aber einen Glauben oder eine Spiritualität in sich spüren. Insofern bin ich als Seelsorgerin zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen eine Ansprechperson im Spital, die nicht einfach nur für rein medizinische oder therapeutische Belange zuständig ist.
Aber ist das nicht ein gesellschaftlicher Widerspruch? Niemand zeigt mehr Interesse an der Kirche, die Institutionen erleiden einen Niedergang, aber die Nachfrage nach seelsorgerischer Unterstützung bleibt unverändert gross.
Das nehme ich nicht als Widerspruch wahr. Meine Aufgabe als Seelsorgerin im Spital ist es, als Mensch für andere Menschen da zu sein – damit sie ihre einfachen wie schwierigen Themen in einem vertraulichen Gespräch besprechen können. Dazu gehören auch Glaubensfragen, und zwar viel häufiger, als man vielleicht denkt. Wenn eine Person aus der Kirche ausgetreten ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass sie nichts mehr mit Glauben oder Religion zu tun hat. Die Leute reden sehr gerne mit uns. Offenbar verkörpern wir etwas, eine Dimension, die sie anderswo nicht erleben.
Sie haben vier Kinder, eine Familie: Wie grenzen Sie sich von ihrem zum Teil belastenden Berufsalltag ab?
Bevor ich Feierabend mache, sitze ich oft noch ein paar Minuten in unsere Spitalkapelle und geniesse die Stille. Gerade jetzt mit dem geschmückten Weihnachtsbaum und der heimeligen Stimmung ist das eine gute Erholung. Dann gehe ich nach Hause, wo ich in einer wunderbaren Familie leben darf – ein grosses Geschenk. Das macht das Abschalten natürlich leichter. Aber selbstredend gibt es Begegnungen als Seelsorgerin, die ich nie vergessen werde. Ich würde nicht sagen, dass sie mich belasten, aber sie begleiten mich durchs Leben.
Als Seelsorgerin erleben Sie Schicksalsschläge hautnah. Wie hat dies ihr Leben geprägt und vielleicht auch beeinflusst?
(überlegt lange) Ich denke, ich habe noch mehr Dankbarkeit entwickelt für mein Umfeld und den Beruf, den ich ausüben darf. Es ist eine tiefgründige, ernsthafte Arbeit, die aber übrigens nicht selten auch lustig und vor allem spannend ist. Ich habe noch nach keinem Arbeitstag gedacht, meine Tätigkeit sei belanglos oder unnötig. Dieses Gefühl ist eine sehr schöne Erfahrung.
Sie haben vor einiger Zeit in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger die Corona-Pandemie im Jahr 2020 – damals wurde das Bruderholzspital zum Corona-Referenzspital umfunktioniert – als das bewegendste Jahr in ihrem Berufsleben bezeichnet. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Krise?
Das war eine unglaublich herausfordernde Zeit. Niemand im Spital wusste, wie ansteckend das Virus tatsächlich ist und was mit uns passiert. Wir schützten uns bestmöglich, kleideten uns sorgfältig ein. Der Unsicherheitsfaktor bleib dennoch gross, was belastend war. Doch es entstand ein Zusammenhalt unter den Mitarbeitenden im Haus, zwischen allen Disziplinen, zwischen Pflege, Ärzteschaft, Verwaltung. Wir arbeiteten alle an demselben Ziel, nämlich die Krise durchzustehen und füreinander da zu sein. Wir liessen uns nicht abhalten, uns um die Patienten zu kümmern. Wir machten es einfach, und wir machten es zusammen.
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