's Trudi: 60 Jahre Kioskfrau – «jede Daag isch e Gschängg»
Mit 50 Franken in der Tasche übernahm Trudi Hartmann 1966 den Rheingasse-Kiosk. Heute ist die 88-Jährige längst eine Institution.
Dieser Beitrag erschien in der April-Ausgabe der Kleinbasler Zeitung.
Im Jahr 1966 geschah so einiges, was bewegte: So trat in Deutschland der zweite Nachkriegs-Kanzler Ludwig Erhard zurück, in China löste Mao die Kulturrevolution aus und Geoff Hurst schoss England mit dem berühmten «Wembley-Goal» zum Fussball-Weltmeister. Im TV startete die Serie «Star Trek», vulgo «Raumschiff Enterprise», und die Beatles gaben das Album «Revolver» raus.
Einige fanden 1966 temporär zu ihrem Glück wie Brigitte Bardot, die Gunther Sachs heiratete. Andere fanden sogar zu lebenslangem Glück, wie die niederländische Königin Beatrix, die ihren Claus von Amsberg ehelichte – und Trudi Hartmann, die an der Rheingasse den Kiosk übernahm.
Die meisten der oben Erwähnten sind mittlerweile tot oder vergessen. Nicht so «’s Trudi», wie sie von jedermann im minderen Basel genannt wird. Auch nach 60 Jahren bewirtschaftet sie ihr Kabäuschen gleich neben dem Hotel Krafft eigenständig und mit Hilfe ihrer Schwester Erika Furrer.
Das Lädeli des Lächelns
Seit 60 Jahren ist Trudi der Inbegriff der guten Laune. Kaum jemand mag sich erinnern, sie je ohne ein Lächeln gesehen zu haben, und auch sie selbst sagt, dass kaum ein Kunde sie mit schlechtgelauntem Gesicht begrüsst habe – und wenn doch: «denn isch dä uf alli Fäll mit ere guete Luune witerzoge.»
Als ihre Lieblings-Anekdote bezeichnet sie denn auch den kleinen Jungen, der fast eine Stunde vor ihrem Kiosk auf jemanden gewartet habe, der leider nicht kam. Plötzlich sei er dann vor ihr gestanden und habe gefragt: «Wie kunnt daas, dass jede, wo vo ihrem Laade drvoo lauft, e Lache im Gsicht hett?»
Trudis Antwort lautet, man müsse die Sprache der Leute sprechen, ihnen zuhören und die nötige Toleranz aufbringen, im Kleinen wie im Grossen. Das mit dem «Kleinen» ist vor Ort auch sehr praktisch zu beobachten. In der kurzen Zeit des Gesprächs mit dieser Zeitung bedient sie nebst anderen rund ein halbes Dutzend Menschen, die Zigaretten einzeln kaufen. Sie ist wohl die einzige, die diesen früher gebräuchlichen Service auch heute noch anbietet, «und bi mir dörfe d Lüt sogar no d Margge usswääle.»
Auch sonst ist Trudi old-fashioned und akzeptiert unter dem Motto «Nur Bares ist Wahres» weder Twint noch Kreditkarten. Fehlt’s aber beim Kunden an Barem, darf er auch anschreiben lassen. Dieses Vertrauen hat sich nicht immer ausbezahlt, was die Kioskfrau aber locker nimmt: «Ich ha emool e ganzes Buech mit Nämme gha, wo no öbbis offe gsy isch. Ich ha’s denn furtgworfe.»
Sonst wurde in alle den Jahren wenig «furtgworfe», die Holzregale sind noch dieselben wie bei Trudis Übernahme und ganz generell fühlt man sich im Inneren des engen Kiosks so, als wäre man in die 60er-Jahre zurückversetzt. Für sympathische Orte wie diesen muss einst das Wort «heimelig» erfunden worden sein.
Von der Vormundschaft gejagt und geplagt
Dass Trudi so eine Frohnatur geworden ist, muss als alles andere als selbstverständlich bezeichnet werden. Da der Vater schwer depressiv war, wurden die 1938 Geborene und ihre beiden Geschwister von der Basler Vormundschaftsbehörde einzeln fremdplatziert; sie kam nach Reigoldswil: «Jo, ich bi e Verdingkind gsy, aber ich ha liebi Pflääg-Eltere gha.»
Als sie mit 16 zurück nach Basel kam und diverse Stellen annehmen konnte, intervenierte jeweils sofort die Vormundschaft, die vor allem verhindern wollte, dass sie ins Elternhaus an der Ochsengasse zurückkehrte. Dort war schon damals das «Milliö» angesiedelt. Sie sei zu dieser Zeit schon sehr weiblich geformt gewesen, wie sie augenzwinkernd anmerkt; da wollte die Behörde wohl verhindern, dass sie in die Prostitution abrutscht.
Man drohte ihr von Amts wegen mit der Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt, was sie mit der Drohung quittierte, dass sie dann lieber in den Rhein ginge, was ihr wiederum sechs Wochen PUK – respektive «Friedmatt», wie man damals sagte – einbrachte. Auch das brach ihr frohes Wesen nicht: «Die andere dört sinn liebi Lüt gsy, wo mir oft ihr Flaisch gäh hänn, well ich immer so hungrig gsy bi.»
Um endlich den Fängen der Vormundschaft zu entkommen, sah sie nur eine Lösung: Heiraten. Es war aber nicht die beste Lösung und der betreffende Mann war es auch nicht, stattdessen ein gewalttätiger Alkoholiker. Sie wartete ab und nutzte einen Fehltritt von ihm – mit nachfolgender Vaterschaft – zur Scheidung.
Mit «50 Frangge im Sagg» Kiosk übernommen
Trudi hatte danach diverse Jobs, bei denen sie einigermassen verdiente, die sie aber langweilten. So schrieb sie nach Vorlagen Briefe für Roche, war aber wohl zu gewitzt: «Am Noomidaag ha ich nümm gwüsst, was mache usser zum Fänschter uuseluege.»
Da kam ein Vertreter der Tabakfirma Säuberli gerade recht, der ihr von einem Kiosk erzählte, der frei würde. «Äntlig my aigene Chef sy», war sowieso ihr grosser Wunsch, aber es gab da ein Hindernis: «Ich ha grad emool fuffzig Stutz im Sagg gha und die Übernaam hett 36’000 Frangge sölle koschte.» Nun, der Säuberli-Vertreter bürgte für die damals 29-Jährige, der damalige Bankverein gab ein Darlehen … und der Rest ist Geschichte – Geschichte seit nunmehr 60 Jahren.
«Do in dr Rhygass luegt me zue enand, aber me hoggt nit uffenander.»
Trudi Hartmann
Dass die Geschichte derart lange andauern würde, hätte sie damals nicht gedacht, aber klar war ihr immer, dass es ein langfristiges Abenteuer sein soll. Und ein Abenteuer war es immer und ist es heute noch. Als sie anfing, ging es ziemlich rau zu und her in der «Glettyysegass». In den diversen Lokalen verkehrten die Rocker, die auch mal die Fäuste fliegen liessen.
Zu ihr seien sie aber immer anständig gewesen, betont die Kioskfrau: «Waisch, es sinn eenter Schmalspuur-Rocker gsy mit Döffli statt Maschine». Auch zu dieser Kundschaft gibt es eine Anekdote: Sie habe mal am Feierabend vergessen, den aussen angebrachten Zigarettenautomaten abzuschliessen, und da sei nebst den begehrten Raucherwaren auch viel Geld drin gewesen. «Und ussgrächnet die ‹böse› Rocker hänn dr Bolizey aglütte, drmit mir nüt gstoole wird.»
Sogar die Drogenszene hatte ihre «lieben» Seiten
Gestohlen wurde ihr in all den Jahren auch sonst kaum etwas – nicht einmal während der 15 Jahre in den 1980er- und 90er-Jahren, als die Rheingasse als offene Drogenszene verrufen war. «Aimool hett e Drögeler e Fäärnsee-Zytschrift welle ystegge. Ich ha ihm gsait, är söll si zruggleege, är hayg doch soowisoo kai Fäärnsee», erinnert sich Trudi – und das habe der Missetäter dann mit verlegenem Lächeln auch getan.
Es seien schlimme Zeiten gewesen, erst mit den oft aggressiven Alkoholikern, dann mit den Heroinsüchtigen, von denen viele viel zu jung gestorben seien. Sie erzählt von einer chilenischen Kundin, die im Heimatland gefoltert wurde und in Basel miterleben musste, wie ihr Sohn in die Sucht abglitt: «Die isch denn stundelang bi mir im Kiosk ghoggt in dr Hoffnig, iire Sohn moll duurelaufe z gsee.»
Aber auch in diesem Elend habe die Rheingasse ihre «lieben» Seiten gezeigt, betont Trudi: «Es hett Nochbere gä, wo regelmässig e Disch mit Tee und Kueche für die Süchtige uff d Strooss gstellt hänn.»
Sie selbst engagierte sich mit voller Kraft und oft als Fürsprecherin der Süchtigen beim Drogenstammtisch, den der damalige Drogenbeauftragte Thomas Kessler ins Leben gerufen hatte. Der habe einmal zu ihr gesagt, dank ihr habe man mindestens zwei Sozialarbeiter eingespart, «e Loon zaale hänn sie aber nit welle».
Und als sie mal sehr drastisch ein Einzelschicksal geschildert habe, gestand ihr der legendäre Polizeiof-fizier Christian «Hitch» Meidinger, er sei sich jetzt so richtig bewusst geworden, dass es sich schliesslich auch bei den Süchtigen um Menschen handle.
Reich an Erlebnissen, nicht an Geld
Reich könne man mit so einem Kiosk nicht werden, seufzt Trudi, aber zu einem einfachen Leben habe es immer genügt. Reich geworden sei sie dank der Menschen, denen sie täglich begegnen dürfe, reich an Erlebnissen und Erfahrungen: «Dorum isch do in däm Kiosk au hüt no jede Daag e Gschängg.»
Dazu habe sie fast zeitgleich mit der Eröffnung des Kiosks ihren «Schatz» kennenlernen dürfen. Eine Freundin von ihr habe mal mit zwei Männern abgemacht und für das «dritte Rad am Wagen» habe man die Trudi dazu bestellt. «Dä hett mir sofort gfalle, das ha ich mynere Fründin verzellt und die hett’s ihm wyter verzellt.»
Dieser Mann stand schon bald vor Trudis Kiosk-Tresen – der Startschuss zu dreissig gemeinsamen Jahren. Auch wenn «au dä nit treu gsy isch, aber ich ha jo my Toleranz.» Sie selbst hatte nie Kinder, hat aber auch heute noch ein tolles Verhältnis zum Sohn ihres «Schatz» und dessen drei Kindern.
Zusammen haben sich die beiden dann auch einen bescheidenen Luxus geleistet mit einem kleinen Häuschen in Riehen und jährlichen Kreuzfahrten. Dies vor allem in den letzten zehn Jahren vor seinem Tod: «Är hett’s mit em Härz gha und gwüsst, dass är nümm lang läbt.» Zum Trauern habe sie kaum Zeit gehabt, seine Beerdigung sei 1994 an demjenigen Tag gewesen, an dem die Passage bei Trudis Kiosk vorübergehend geschlossen und die Drogen-Szene aufgelöst wurde.
Von der grossen eigenen Wohnung ist sie mittlerweile in bescheidenere zwei Zimmer der Stiftung «Wohnen im Alter» an der Ochsengasse umgezogen. So schliesst sich der Kreis, sie blickt auf ihr Elternhaus vis-à-vis, wo zur Zeit das «Grenzwert» im Asyl wirtet. Doch Trudi sieht es auch mit Wehmut: «Drey Viertel vo mym Lääbe ha ich wäg gää miesse», dies in Form von Möbeln, Teppichen und vor allem ihren geliebten Büchern und Schallplatten.
Die Rheingasse ist ein eigenes Dorf
Solange sie aber in «ihrer» Rheingasse sein kann, hält Wehmut nicht lange an, obwohl die aktuelle Baustelle schon an den Nerven – und am Portemonnaie – zehrt: «Dr Umsatz isch do drwäge massiv ybroche und mir hänn s Sortimänt stargg miesse reduziere.» Auch dieses Problem möchte sie noch überstehen und solange es gesundheitlich geht, ihre Kundschaft weiter über den Kiosktresen mit ihrem Lachen beschenken und jeden Kontakt als Geschenk empfinden.
Woanders wollte sie nie sein und möchte es auch heute nicht, denn die Rheingasse sei eben ein Dorf für sich mit vielen Problemen, aber auch mit viel Zusammenhalt unter «lieben» Leuten – oder wie es Trudi sagt: «Do luegt me zue enand, aber me hoggt nit uffenander.»
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