Neues Führungsduo des Gewerbeverbands übt sich in Höflichkeit
Am Neujahrsempfang des Gewerbeverbands hielten sich Hansjörg Wilde und Reto Baumgartner mit Kritik an Politik und Staat zurück.

«Gemeinsam besser. Seit 1834»: Mit diesen Worten wandte sich Hansjörg Wilde am Neujahrsempfang des Basler Gewerbeverbands an die rund 800 Gäste, die sich am Donnerstag im Theater Basel versammelt hatten. Als neuer Präsident der regionalen KMU-Institution mit insgesamt 5'500 Mitgliedern stand der langjährige Gemeindepräsident von Riehen (parteilos) in besonderem Fokus.
Würde Wilde bei seiner Antrittsrede auf den Putz hauen? Die Bürokratie und den fortschreitenden Parkplatzabbau geisseln? In den Vorjahren hatten sowohl Vorgänger Marcel Schweizer wie auch Direktor Gabriel Barell nicht um den heissen Brei herumgeredet, sondern die Zumutungen für das Gewerbe durch Politik und Behörden schonungslos angesprochen.
Nein, dazu kam es bei Wildes Premiere nicht. Man kann auch festhalten: Er unterliess es ganz bewusst, Kritik zu üben. Vielmehr gab er sich als jovialer Gastgeber, der offensichtlich mit einem Elefantenhirn ausgestattet ist: Ohne einen Notizzettel trat der Mann ins Scheinwerferlicht der Theaterbühne und begrüsste eine Reihe von Anwesenden mit souveräner Namensaufzählung.
Dasselbe galt später für den neuen Direktor Reto Baumgartner, welcher das Amt per 1. Januar von Gabriel Barell übernommen hat. Auch er pflegte die freie Rede. Kein Prompter, kein Stehpult. Nichts.
Was auffiel: Baumgartner brach mit der «Tradition» früherer Gewerbedirektoren, eine ausführliche Rede zur «Lage der Nation» zu halten. Wollte er zum Start niemandem auf den Schlips treten?
Basler Regierung fast vollständig anwesend
Ebenfalls bemerkenswert: Mit Ausnahme von Regierungspräsident Beat Jans (SP) war die gesamte Basler Regierung am Neujahrsempfang des Gewerbeverbands anwesend. Das darf als klares Zeichen gewertet werden. Es ist bekannt, dass sich manches Exekutivmitglied nur wenig mit der politischen Ausrichtung des Gewerbeverbands anfreunden konnte. Mit der prominenten Präsenz sollte wohl den frischen Steuermännern an Bord die Hand gereicht werden.
Doch wie lange ist diese freundliche Annäherung und das Beschnuppern von Bestand? Wilde erklärte, man führe derzeit mit allen Parteispitzen «von links bis rechts» Gespräche – «auch mit solchen, die vielleicht zuletzt etwas verärgert waren.»
Das führt uns zur Hauptfrage, welche die Versammlung mit Exponentinnen und Exponenten aus Politik, Wirtschaft und Gewerbe schon im Vorfeld spannend machte: Wie positionieren sich Wilde und Baumgartner, was den künftigen Kurs des Verbandes anbelangt? Was wird konkret anders? Wohin geht die Reise? Wird man gefälliger gegen links? Bleibt man weiter in der unbequemen Oppositionsrolle?
Wer darauf Antworten erhoffte, ging hungrig nach Hause – unabhängig vom exzellenten Apéro Riche, der nach dem Ende der Corona-Pandemie im Theater-Foyer wieder ausgerichtet wurde. Inhaltlich blieben Wilde und Baumgartner höflich unverbindlich. Es blieb bei Andeutungen: Man sei daran, eine «Strategie» auszuarbeiten, hielt das Führungsduo fest, als es von der Journalistin Martina Rutschmann befragt wurde.
Angesprochen auf die Klimagerechtigkeits-Initiative und den Gegenvorschlag – der Gewerbeverband hatte im November 2022 beide Vorlagen abgelehnt, der Gegenvorschlag wurde vom Volk angenommen – sprach Wilde von unterschiedlichen Blickwinkeln. So sei es bei der 2x-Nein-Parole nicht darum gegangen, das Ziel der Klimaneutralität in Frage zu stellen. «Uns störte der definierte Zeitpunkt. Und es ist bekannt, dass sich auch die Regierung mit dem Netto-Null-Fahrplan 2037 schwergetan hat, wie er nun vom Volk beschlossen wurde».
Der Gewerbeverband wolle bei den wichtigen Dossiers nicht mit Medienmitteilungen «auf Vernehmlassungen reagieren», sondern tatkräftig beim Entstehungsprozess von Vorlagen mitarbeiten, unterstrich Wilde.
Künftige Ausrichtung bleibt eine Blackbox
Feedbacks, die Prime News nach dem Neujahrsempfang von Teilnehmern erhielt, fielen grossmehrheitlich positiv aus: Wilde habe viel Souveränität und Ruhe ausgestrahlt, Baumgartner sei gut beraten gewesen, nicht zu einem Rundumschlag auszuholen.
Doch die Grundherausforderung bleibt: Bei politischen Sachgeschäften wird der Gewerbeverband sich klar positionieren müssen. Was mit der Aussage von Wilde und Baumgartner gemeint ist, wenn sie erklärten, man wolle «neue Wege» gehen, bleibt deshalb auch weiterhin eine Blackbox.
Baumgartner meinte grinsend, er hoffe darauf, «in einem Jahr immer noch so viel Goodwill zu erhalten wie in den letzten Tagen». Auf Nachfrage von Journalistin Rutschmann, ob er mit möglicherweise harter Kritik werde leben können, meinte er: «Darauf wird es angesichts meiner Funktion wohl gezwungenermassen hinauslaufen»
Text: Christian Keller
Hörtipp: Fürobebier mit dem alten und dem neuen Präsidenten des Basler Gewerbeverbands, Marcel Schweizer und Hansjörg Wilde (publiziert auf Prime News im Novembe 2022).
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