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22.03.2019 Innovation 7 minMinuten Lesedauer

«PrintYourLight»: Zwei Brüdern geht ein Licht auf

Mit Leuchten aus dem 3D-Drucker wollen Adrian Hess und Sebastian Godenzi den Schweizer Lichtmarkt erobern.

Die Jungunternehmer Adrian Hess (l.) und sein Bruder Sebastian Godenzi mit ihrem Produkt vor ihrem Büro in Basel – einem Fischergalgen beim Rhein. Bild: Luca Thoma

Momentan herrscht noch kreatives Chaos in dem kleinen, gemütlichen Fischergalgen auf der Kleinbasler Rheinseite. Nur wenig deutet darauf hin, dass Adrian Hess hier in Kürze sein Büro und das Hauptquartier von «PrintYourLight» einrichten wird.

Das kleine, bescheidene Büro ist ganz im Sinn von Firmengründer Hess und seinem Bruder und Berater Sebastian Godenzi: «Wir fangen klein und ruhig an und wollen organisch wachsen.» 

Godenzi und Hess kommen nicht mit leeren Händen, sie haben einen Prototyp ihres Produkts mitgebracht. Sorgfältig holt Hess eine schwarze Box und einen kunstvollen, leicht kegelförmigen Lampenschirm aus einer Holzkiste. Das Besondere an der Leuchte: alle Teile bis auf die Leuchtdiode und das Kabel sind aus dem 3D-Drucker. 

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Laut Godenzi birgt die 3D-Drucktechnologie neue Chancen für den Lichtmarkt: «Die Produkte werden regionaler, nachhaltiger und die Produktion wird dezentraler.»

«PrintYourLight» druckt die sogenannten «KITs», die Box, in die das Stromkabel und das LED-Licht eingebaut werden, aus dem 3D-Drucker und schickt sie an die Kunden. Diese können zukünftig auf der Website der Start-Up-Firma aus einer grossen Auswahl an Lampenschirm-Designs wählen. 

«PrintYourLight» stellt die Schirm-Form nun als digitale Datei zur Verfügung, die man jederzeit und überall mit einem 3D-Drucker ausdrucken und sogleich auf den «KIT» montieren kann. Diese wiederum sind so konzipiert, dass die Leuchten als Tisch-, Steh-, Decken- oder Pendelleuchte funktionieren. 

Frisch aus dem 3D-Drucker: Box mit Leuchten und Kabel. Bild: PrintYourLight

Lampenschirme aus dem eigenen 3D-Drucker

Da zurzeit noch nicht jedermann einen 3D-Drucker zuhause hat, bauen Godenzi und Hess ein Netzwerk auf, damit die Kunden ihre Lampenschirme in einem 3D-Druckshop in ihrer Nähe ausdrucken und sie dort abholen können.

«Das ist ein ähnliches Modell wie früher mit den Copy-Shops», erklärt Hess. Er ist jedoch überzeugt: «In wenigen Jahren werden schon sehr viele Haushalte einen 3D-Drucker besitzen. Sie sind klein, günstig und sehr praktisch».  

Ausdrucken kann man die Schirme in den vielfältigsten Materialien und Farben: von Holz über Terrakotta bis hin zu Metallen. 

Das Geschäftsmodell von «PrintYourLight» bringt mehrere Vorteile mit sich: Dadurch, dass die gesamte Leuchte digital versendet und vor Ort gedruckt werden kann, fallen weder Verzollungskosten noch Transportkosten an.

So haben die Leuchten eine ausgezeichnete Ökobilanz und die Brüder können ihre Fixkosten kleinhalten. «Wir brauchen keinen Lagerraum, keine grossen Büros, keine Zollabteilung, das fällt alles weg.»

Die Idee zu «PrintYourLight» kam Godenzi 2017 des Nachts. «Das war einer dieser plötzlichen Einfälle. Ich beschäftigte mich seit längerer Zeit intensiv mit dem Thema Beleuchtung. Da fiel mir auf, dass viele Firmen Leuchtkörper und LED-Leuchtmittel immer als ein Ganzes ansahen, obwohl man die beiden Dinge gut voneinander trennen kann.»

Laut Godenzi ist das Potential ihres Produkts nach oben offen: «Unsere Leuchten und KITs könnte man theoretisch überall auf der Welt ausdrucken. Das Produkt ist digital und lässt sich jederzeit überall hin verschicken.»

Seit einem Jahr ununterbrochen am Tüfteln

Godenzi und Hess sind begeistert von ihrer Idee. Sie sprechen lange und ausgiebig über die Chancen und Risiken des Projekts, ergänzen sich gegenseitig und fallen einander ins Wort. Spass und Liebe zur Sache stehen bei ihnen an erster Stelle, nicht Risiko und schnelles Geld.

Ihre Lockerheit und Bodenständigkeit ziehen sie aus den vielen Erfahrungen, die sie in ihren unkonventionellen Lebensläufen machten. Der 37-jährige Hess ist ein Lebenskünstler und Tausendsassa: «Ich habe immer das gemacht, worauf ich gerade Lust hatte.» 

Nach seiner Ausbildung als Automonteur wechselte er immer wieder den Job, arbeitete als Kundenberater, Werkstattchef, Informatiker, als Gärtner, auf der Post. In seiner Freizeit entdeckte Hess seine Begeisterung für 3D-Drucker – ein Thema, über das er stundenlang sprechen könnte. 

Ab April arbeitet er 60 Prozent auf dem Bau und 40 Prozent für «PrintYourLight»: «Zuvor wurde es mir zu stressig.» Über ein Jahr lang arbeitete Hess Vollzeit und tüftelte nach Feierabend und das ganze Wochenende über an «PrintYourLight».  

Der 34-jährige Sebastian Godenzi wiederum ist ein gelernter Elektriker, der ein Bachelorstudium zum Elektroingenieur abschloss, bei einem Lichtplanungsbüro arbeitete und sich in der Büromöbel-Branche hocharbeitete.

Heute ist der zweifache Familienvater in der Projektentwicklung tätig und arbeitet als Dozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seinen Bruder unterstützt er bei «PrintYourLight», so gut er kann. 

«2015 gaben die Schweizer 650 Millionen Franken für Indoor-Leuchten aus. Wir benötigen gerade einmal 0,1 Prozent Markt­anteil, um profitabel zu sein.»

Sebastian Godenzi

Der nächste grosse Schritt der Brüder ist die Produktion der ersten Serie. 100 «KITs» werden sie drucken, 30 davon sind bereits vorbestellt. Neben ihrem Hauptfokus auf «PrintYourLight» bauen sie mit «PrintYourLight Limited» und «PrintYourLight Project» zwei weitere Geschäftszweige auf.

Bei Ersterem verkaufen sie limitierte und exklusive Serien von einer bis zu fünf Leuchten für den jeweiligen Gesamtpreis von 1000 Franken.

Bei «PrintYourLight Project» dagegen geht es um Kooperationen mit Firmen oder Privaten, für die «PrintYourLight» die Beleuchtung des gesamten Gebäudes konzipiert. «Das sind massgeschneiderte Angebote, bei denen die Firmen viel Lagerraum, Lieferzeiten und Transportkosten einsparen können», erzählt Godenzi. 

Ihre Produktidee ist bereits gereift, was noch aussteht, sind die Designs für die Lampenschirme: «Ich bin ein Ideenentwickler, mein Bruder ein Techniker. Uns fehlen die Ideen für schöne und aussergewöhnliche Designs», konstatiert Sebastian Godenzi.

So suchen sie zurzeit motivierte Designer aus der Region, die die Designmöglichkeiten mit dem 3-D-Drucker auszuschöpfen wissen: «Wir sind sehr offen für Inputs».

Prototyp, wie die neuartige Lampe aus dem 3D-Drucker aussehen könnte. Bild: PrintYourLight

Bislang nur eigenes Geld investiert

Fürs Erste nehmen die Brüder jedoch einen Schritt nach dem Anderen. «Wir investieren nur eigenes Geld. Ohne Kapitalgeber haben wir keinen externen Druck und viel weniger Stress», sagt GmbH-Chef Hess. 

Entschleunigung ist ein wichtiges Stichwort für die Brüder. Bei ihnen soll sie nicht zur Worthülse verkümmern, sondern im Arbeitsalltag umgesetzt werden: «Unser Ziel ist es, dass in unserer Firma alle Angestellten nur 80 Prozent arbeiten müssen, aber den vollen Lohn ausgezahlt bekommen», sagt Hess. 

Als Chef der GmbH hat er zurzeit auch volle Gestaltungsfreiheit. Erst wenn sie ihre Leuchten in Massenproduktion verkaufen wollten, bräuchten sie grössere Mengen Kapital: «Dann müssen wir eine Druckerfarm aufbauen. Das ist sehr teuer und ich müsste Investoren suchen». 

Da der Markt für Leuchten sehr gross ist, sind die Brüder sehr optimistisch gestimmt: «2015 gaben die Schweizer 650 Millionen Franken für Indoor-Leuchten aus. Wir benötigen gerade einmal 0,1 Prozent Marktanteil, um profitabel zu sein», rechnet Godenzi vor. 

So freuen sich die Brüder fürs Erste auf ihre erste Serie von hundert Leuchten, mit deren Verkauf sie wiederum die zweite finanzieren möchten. Hess und Godenzi sind dynamisch, stehen aber auch mit beiden Füssen am Boden. 

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Partner der Rubrik Innovation
Luca Thoma

Luca Thoma

Leiter Kultur / freier Journalist

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