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05.07.2019 Innovation 6 minMinuten Lesedauer

Zuerst gescheitert, jetzt am Durch­starten

Alexis Weil begeistert Investoren mit seinem Job­portal «Seniors@Work». Sein Weg in die Selbst­ständigkeit verlief harzig.

Gab nicht auf, als sein erstes Projekt bachab ging: «Seniors@Work»-Gründer Alexis Weil (Bildmitte) mit Unterstützern (darunter sein Vater, ganz rechts sowie CVP-Grossrätin Beatrice Isler). Bild: zvg

Dieser junge Mann gibt so schnell nicht auf: Alexis Weil, der Gründer der innovativen Jobplattform «Seniors@Work», hat schwierige Zeiten hinter sich. Der 28-jährige Basler weiss sehr genau, wie es sich anfühlt, wenn ein vielversprechendes Konzept wider Erwarten nicht in Fahrt kommt. 

Mit «Seniors@Work», dem Portal, das arbeitswillige Pensionierte mit Unternehmen und Privatpersonen zusammenbringt, startet er zwar derzeit durch. 2016 jedoch, als er die HelloSport GmbH gegründet und eine Geschäftsidee im Sportbereich lanciert hatte, machte er gegenteilige Erfahrungen.

«Ich wollte eine Internetseite aufbauen, bei der Sportbegeisterte unkompliziert miteinander in Kontakt treten konnten. Suchte zum Beispiel jemand für seine Fussballmannschaft noch zwei Mitspieler, sollte er sie auf meiner Webseite finden können», erzählt Weil bei seinem Besuch auf der Prime News-Redaktion. 

Er sei überzeugt gewesen, einem Bedürfnis zu entsprechen und rasch Erfolg zu haben. Doch die Partnersuche harzte. Alexis Weil wollte das Sportamt Basel-Stadt auf seiner Plattform einbinden, damit Vereine und Hobby-Sportteams die öffentlichen Anlagen nutzen konnten, wenn sie nicht belegt waren. Damit sollte es auch gelingen, Reichweite und Bekanntheit seines Portals zu steigern.

«Die Verantwortlichen fanden den Ansatz super, meldeten aber dennoch Bedenken an. Als staatliche Institution sei für sie eine solche Zusammenarbeit mit einem Privaten heikel», sagt Weil. 

Selbstkritisch zählt er Fehlentscheide auf, die er seinerzeit gemacht habe – zum Beispiel die Mobile-App, die er bei einem Entwickler in Auftrag gegeben hatte. «Ich musste realisieren, dass die Programmierung einer App viel aufwändiger ist als angenommen. Die Entwicklung dauerte neun statt vier Monate, was extrem unbefriedigend war, weil ich die Sommersaison verpasste.» 

Er habe sich schliesslich eingestehen müssen, das Vorhaben besser zu beerdigen. «Ich bezahlte viel Lehrgeld», meint er rückblickend.

«Einmal selbst­ständig zu sein, war von klein auf mein Ziel. Mir gefiel es schon immer, Eigen­verantwortung zu übernehmen.»

Alexis Weil, Gründer von «Seniors@Work»

Die meisten anderen Jungunternehmer hätten nach einer solchen kostspieligen, enttäuschenden Erfahrung wohl das Handtuch geworfen und sich wieder nach Jobs umgesehen. Nicht so Weil, obschon er mit seinem an der Uni St. Gallen absolvierten Master in Finanz- und Rechnungswesen wohl problemlos eine attraktive Anstellung gefunden hätte.

Inzwischen schwirrte ihm nämlich eine neue Geschäftsidee durch den Kopf, die mit der Pensionierung seines Vaters zusammenhing. Dieser fühlte sich in seinem neuen Leben als Rentner alles andere als glücklich. Mit einem Schlag war er aus dem Arbeitsmarkt katapultiert worden. 

Das war die Geburtsstunde von «Senior@Works», Weils neuer Arbeitsvermittlungs-Plattform, die im Kern simpel aufgebaut ist: Sie bringt Unternehmen oder auch Privatpersonen, die auf der Suche nach Personal sind, mit Pensionierten zusammen, die weiterhin in irgendeiner Form berufstätig sein möchten.

Der Grundgedanke ist nicht neu, schlägt aber ein wie eine Bombe. Mit Pro Senectute konnte Weil eine strategisch wichtige Kooperation abschliessen. Auch in den Medien ist die Resonanz hoch: Unlängst wurde der Startup-Unternehmer in der deutschsprachigen Ausgabe des renommierten Wirtschaftsmagazins «Forbes» zu den einflussreichsten Köpfen unter 30 gewählt.

Auch in der TV-Sendung «Die Höhle der Löwen Schweiz» vermochte Weil Investoren zu überzeugen. Die zahlreichen Komplimente und Auszeichnungen dürfen jedoch nicht über die Realitäten hinwegtäuschen: Bis zum wirtschaftlichen Durchbruch ist es noch ein weiter Weg.

«Senioren sind überraschend oft sehr internetaffin und bewandert im Umgang mit dem Digitalen»: Alexis Weil während dem Interview auf der Prime News-Redaktion. Bild: Christian Keller

Was gab Ihnen Motivation und Energie, es nochmals mit einer neuen Geschäftsidee zu versuchen, nachdem es beim ersten Versuch nicht geklappt hatte?

Einmal selbstständig zu sein, war von klein auf mein Ziel. In der Schule haben wir im Rahmen einer Wirtschaftswoche eine Firma gegründet, bei der ich den Finanzchef spielte. Mir gefiel es schon immer, Eigenverantwortung zu übernehmen. Allerdings verhehle ich nicht, dass eine gewisse Unsicherheit bestand. Zeitgleich zur Gründung von Seniors@Work bewarb ich mich um Jobs. Ich wusste ja zunächst nicht, wie sich das neue Konzept entwickelt.

Sie haben letztes Jahr mit der Sharing­plattform angefangen. Wie fällt die Bilanz aus: Was läuft? Und was nicht?

Zunächst kann ich festhalten, dass im Unterschied zu meiner Idee im Sportbereich die Nachfrage hier viel grösser ist. Es geht auch rascher vorwärts. Pensionierte schreiben mir begeisterte E-Mails. Für sie ist Seniors@Works nicht nur eine Gelegenheit, Jobs auszuführen und ihre berufliche Erfahrung einzubringen, sondern auch eine neue Möglichkeit für den sozialen Austausch. Allerdings habe ich festgestellt, dass die Bewerbungsrate für einen Job viel höher war, wenn ich die Senioren direkt per Email angeschrieben habe. Darum musste ich einen «Jobalarm» einrichten und neue Funktionen auf der Webseite integrieren.

Sind die Pensionierten im Umgang mit dem Internet rasch überfordert? 

Nein, im Gegenteil: Sie sind überraschend oft sehr internetaffin und bewandert im Umgang mit dem Digitalen. Damit habe ich ursprünglich nicht gerechnet. Eine weitere Erkenntnis ist die, dass pensionierte Arbeitskräfte in mehr Branchen gefragt sind, als ich angenommen habe. Ein KV-Angestellter im Ruhestand kann nicht nur bei Buchhaltung oder Jahresabschluss wertvolle Inputs einbringen. Oft sind seine Ratschläge auch im Coaching-Bereich gefragt. Im privaten Mentoring-Bereich ist die Nachfrage hoch. 

Was muss ich unter «privatem Mentoring-Bereich» verstehen?

Ein Beispiel: Eine Mutter im mittleren Alter hat ein behindertes Kind. Sie hat Angst, bei der Anmeldung für die Schule einen Fehler zu machen. Worauf muss sie achten? Wir hatten genau einen solchen Fall, bei der sie dann von einem pensionierten Arzt beraten wurde. Ein anderes Beispiel ist ein Expat, der beim Ausfüllen der Steuererklärung Tipps von einem Senior erhielt. 

«Senior» wirkt als Begriff etwas altbacken. Ist das nicht ein Problem?

Meine Intention war eine andere: Ich habe auf den englischen Begriff von «Senior» abgezielt, welcher für Erfahrung steht. In einem Senior sehen die Unternehmen in der Schweiz jedoch grundsätzlich einen 80-jährigen Menschen mit klar eingeschränkter Leistungsfähigkeit, der obendrauf hohe Lohnerwartungen stellt. Das sind jedoch falsche Eindrücke, die ich hier dezidiert richtigstellen muss. Meine Zielgruppe betrifft die 60 bis 75-Jährigen, welche fit und motiviert sind und sich mit ihrem Wissen einbringen wollen. Sie führen Aufträge nicht primär wegen der Entlöhnung aus, sondern aus innerer Überzeugung. In dem sie sich einbringen, möchten sie Teil der Gesellschaft bleiben.

Was entgegnen Sie Kritikern, Sie würden die «50plus»-Problematik verschärfen? Unternehmen stellen ältere Arbeitnehmer wegen den hohen Sozialabgaben vor die Türe und setzen lieber auf einen kostengünstigen Rentner. 

Dieser Vorwurf kommt immer wieder, obwohl wir ihn gut wiederlegen können. Seniors@Work nimmt keinem 50plus-Angestellten den Job weg. Unsere Mitglieder nehmen in aller Regel tiefprozentige Mandate an und führen Aufträge aus, für die zuvor schlicht das Personal fehlte. Ein Startup benötigt für den Jahresabschluss keinen vollangestellten Finanzprofi oder Steuerexperten. Der Bedarf ist viel geringer. In diese Bresche springen unsere Leute. Ein anderes Beispiel betrifft das Bauwesen. Viele Architekturbüros führen Aufträge erst ab einem gewissen Betrag aus. Ein Bauer, der auf seinem Hof eine kleine bauliche Anpassung vornehmen möchte und dafür einen Architekten sucht, ist noch so froh um einen Senior.

Obschon erst wenige Monate auf dem Markt, haben Sie die Job­plattform bereits in anderen Deutsch­schweizer Städten wie Zürich und Luzern lanciert. Warum dieses Tempo?

Das Geschäft ist einerseits extrem schnelllebig. Wer Erfolg haben will, muss rasch wachsen. Andererseits gab es diverse Anfragen von pensionierten Arbeitskräften ausserhalb der Region Basel, die unseren Newsletter abonniert haben und den Wunsch äusserten, dass wir auch in andere Gebiete expandieren. Das war der Antrieb für den Ausbau. 

Anmeldung und Jobvermittlung war bislang kostenlos. Ab wann und vor allem wie wollen Sie mit Senior@Works Geld verdienen?

Bislang habe ich tatsächlich alle Kosten selber getragen respektive mit einem Zuschuss finanziert, den ich von der Christoph Merian Stiftung erhalten habe. Unterstützt werden wir zudem von der Helvetia Versicherung sowie drei Investoren, die ich bei der TV-Sendung «Höhle der Löwen» kennengelernt habe. Was das Geschäftsmodell betrifft, arbeiten wir derzeit daran, unseren Premium-Partner – die Emil Frey AG – in die Plattform zu integrieren. Mit dem Premium-Partner wollen wir Events für unsere Community organisieren.

Wird das Angebot für die Senioren und teilnehmenden Unternehmen irgendwann kostenpflichtig werden?

Ja, dieser Schritt ist in den nächsten Monaten geplant. Vorgesehen ist eine Jahresmitgliedschaft von rund 60 Franken für die Senioren. Bei den Unternehmen wird der Finanzierungsschlüssel ein anderer sein. Hier ist aber noch nichts spruchreif.

Bricht dann nicht die Reichweite zusammen, weil angesichts der Gratiskultur im Internet niemand für die Leistungen zahlen will?

Umfragen, die wir gemachten haben, ergaben ein anderes Bild. Zweidrittel unserer rund 300 Mitglieder sind bereit, einen jährlichen Beitrag zu bezahlen. Und bezüglich Reichweite: Was bringt mir eine hohe Zahl an Accounts, wenn die meisten nicht aktiv sind? Eine kleinere, dafür engagierte Community ist mir viel lieber.

Partner der Rubrik Innovation
Christian Keller

Christian Keller

Gründer und Chefredaktor

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