Rhystadt nennt SRF-Bericht «einseitig und manipulativ»
Ein Rundschau-Bericht zu Altlasten auf dem Klybeckareal lässt aufhorchen. Klarheit schafft er aber nicht.
Seit dem 19. Jahrhundert produzierte auf dem Basler Klybeck-Areal die chemische Industrie ihre Produkte. Dabei kamen auch hochgiftige und krebserregende Chemikalien wie Benzidin zum Einsatz.
Nun, da die Industrie seit Jahrzehnten stillgelegt ist, der Boden Investoren gehört und in ein Quartier mit Wohnungen und Arbeitsplätzen verwandelt werden soll, stellt sich die Frage: Welche Altlasten sind noch übrig? Und wie gefährlich sind sie?
Diesen Fragen ist in einem gestrigen Beitrag der Sendung «Rundschau» das Schweizer Radio und Fernsehen nachgegangen. «Kronzeuge» im Beitrag: Der Altlasten-Experte Martin Forter. Er warnt seit Jahren vor den Altlasten im Untergrund des Industrieareals und sagt: «Der Kanton muss den Untergrund systematisch untersuchen und sanieren. Doch das ist nicht passiert.»
«Überwachungs-» aber «nicht sanierungsbedürftig»
Matthias Nabholz, Leiter des zuständigen Amts für Umwelt und Energie Basel-Stadt (AUE), sagt auf Anfrage von Prime News, dass das ehemalige Industrieareal Klybeck belastet und grösstenteils überwachungsbedürftig sei und deswegen im öffentlichen Kataster der belasteten Standorte eingetragen ist. An den Arealgrenzen zu diesem sich in Privatbesitz befindenden Gebiet wird laut Nabholz das abfliessende Grundwasser «regelmässig kontrolliert».
«Die Ergebnisse dieser Messungen zeigen, dass die Belastungssituation im Klybeck weiterhin unverändert ist», sagt Nabholz. Es würden zwar Chemikalien, wie Chrom, Zink, Arsen oder Cadmium regelmässig nachgewiesen, jedoch würden keine Grenzwerte überschritten.
Im Boden auf dem Klybeckareal befindet sich laut Nabholz ein Mix von rund 2000 Chemikalien und deren Abbauprodukten, mit denen während der letzten 150 Jahren dort gearbeitet wurde. Darunter Benzidin, aromatische Lösungsmittel, Schwermetalle oder auch Chrom.
Da es sich um einen Industriestandort handelt, könnten diese Stoffe laut eidgenössischem Altlastenrecht dort liegen bleiben, solange keine Gefährdung für Mensch oder Umwelt besteht. Aufgrund der hohen Bodenbelastungen müsste aber der grösste Teil des Areals weiterhin überwacht werden. «Der Boden ist versiegelt und geteert. Was an wasserlöslichen Chemikalien im Untergrund vorhanden war, dürfte längst rausgeschwemmt und den Rhein hinab geflossen sein», sagt Nabholz.
«Sanierungsrisiko nicht abschätzbar»
Das SRF zitiert im Bericht aus vertraulichen Unterlagen der Basler Verwaltung zuhanden des Regierungsrates, die ihm zugespielt wurden. Weil der Kanton in den 2010er Jahen daran interessiert war, die Industriebrache zu kaufen, wollte er herausfinden, welche Schadstoffe sich im Boden befinden.
Ein Abklärungsteam sollte darum bei der ursprünglichen Eigentümerschaft des Bodens, die entsprechenden Abklärungen machen. Ihr im Bericht festgehaltenes Fazit: Es sei dem Team verwehrt geblieben, seine Arbeit durchzuführen. Das Sanierungsrisiko lasse sich anhand der von Novartis zur Verfügung gestellten Informationen schlicht nicht abschätzen.
Die im Beitrag geäusserte Vermutung: Der Verkäufer wolle keine Transparenz, damit er die Risiken, die mit den Altlasten verbunden sind, loswird. Im nächsten Atemzug heisst es im Beitrag, dass sich die Regierung daraufhin von der Idee, das Areal zu kaufen, verabschiedet habe.
Finanziell haftet die Bauherrschaft
Zu den Risiken sagt AUE-Leiter Nabholz, dass sich die Situation bezüglich den dort festgesetzten chemischen Giftstoffen ändere, sobald die Bauherrschaft mit dem Aushub des Erdreichs beginne. Denn dann könnte das Areal saniert werden müssen. «Durch die Entsiegelung des Bodens und das Abtragen des Erdreichs könnte durch freigesetzte Chemikalien eine Gefährdung für das Grundwasser entstehen.»
Zudem müsse die Bauherrschaft das Material fachgerecht in einer Kehricht- oder Sondermüllverbrennungsanlage entsorgen. Auch dies regelt die eidgenössische Gesetzgebung. Und solche Entsorgungen und Sanierungen können den Bauherrn teuer zu stehen kommen und somit unvorhersehbare Mehrkosten für das Projekt bedeuten.
Nabholz nennt als Beispiel den Rückbau des Standorts auf dem Rosentalareal. Dort sei aktuell ein Zelt mit Unterdruckfunktion aufgebaut, welches verhindere, dass giftige Chemikalien in die Luft freigesetzt würden.
Kauf durch Kanton ein «finanzieller Kraftakt»
Hat also die Regierung vom Kauf des Areals abgesehen, weil sie befürchtete, dass auf den Kanton als Bauherrin unberechenbare Kosten zukommen würden? «Eventuelle spätere Sanierungskosten mussten bei den damaligen Kaufüberlegungen mitberücksichtigt werden», bestätigt Regierungssprecher Marco Greiner auf Anfrage. «Bauprojekte auf belasteten Standorten sind immer mit grösseren finanziellen Unsicherheiten und Risiken verbunden.»
Greiner betont aber, dass das nicht der einzige Grund war. «Bei den Verkaufsverhandlungen war für die entsprechenden Entscheidungen eine Gesamtbetrachtung ausschlaggebend – auch eine finanzielle.» Für den Kanton wäre der Kauf ein finanzieller Kraftakt gewesen. «Allein die Bezahlung der Kaufpreise hätte die Verschuldung des Kantons beeinflusst», so der Regierungssprecher.
Gekauft haben die Parzellen auf dem Areal schliesslich die Swiss Life und die Gesellschaft Rhystadt vor fünf Jahren von den Chemieriesen Novartis und BASF. Dass die Käufer nicht gewusst hätten, was im Boden sei, stellt AUE-Leiter Nabholz in Abrede:
«Das Areal ist gut untersucht. Man weiss, welche Stoffe sich unter der Versiegelung befinden. Die Käufer hatten vor dem Kauf Einblick gehabt in sämtliche Unterlagen, die auf Untersuchungen basierten. Das AUE war damals dafür zuständig, dass diese Einsicht gewährleistet wurde. Die Käufer wussten ganz genau, worauf sie sich einlassen.»
Rhystadt gibt sich betont entspannt
Sobald auf dem Areal die Bautätigkeiten durch eine Bauherrschaft aufgenommen würden, werde das AUE laut Nabholz genau hinschauen und weitere Untersuchungen verlangen. Nabholz: «Dann werden je nach stofflicher Belastung weitergehende Massnahmen für die Sicherheit verfügt.»
Es sei eben so, dass hier nicht auf der grünen Wiese gebaut werde, sagt Nabholz: «Wir sind zuversichtlich, dass das Areal baulich entwickelt werden kann. Beim Novartis-Campus auf der anderen Rheinseite gab es eine ähnliche Ausgangslage. Auch dort war die Bodenbelastung aufgrund der Jahrzehnte langen chemischen Tätigkeiten sehr hoch.»
Rhystadt-Mediensprecher Adrian Kohler bestätigt auf Anfrage von Prime News, dass man wisse, worauf man sich eingelassen habe. Die Tatsache, dass die kantonale Verwaltung im internen Bericht zuhanden des Regierungsrats das Sanierungsrisiko als «nicht abschätzbar» bezeichnete, kommentiert Kohler aber nicht.
Er betont: «Die Rhystadt AG hat vor dem Kauf sehr genau geprüft, was sich im Boden des Klybeck-Areals befindet und keineswegs die Katze im Sack gekauft, wie im Beitrag suggeriert wird. Die Rhystadt AG hat genug Mittel, um die bekannten Probleme zu lösen.»
Die Rhystadt AG habe eine unternehmerische Verantwortung gegenüber ihren Geldgebern. «Das sind seriöse Pensionskassen und Anlagestiftungen. Deren Gelder wie Abenteurer zu behandeln, wäre mehr als fahrlässig», so Sprecher Kohler. Zu diesem Schluss müsse man aber als Zuschauer oder Zuschauerin kommen.
Grad der Belastung bleibt weiterhin unklar
Ein weiterer Punkt in dem SRF-Beitrag: Martin Forter thematisiert die sogenannte Bodenluft, die ebenfalls mit Schadstoffen kontaminiert sei. Das hätten Bohrungen im Untergrund der früheren Eigentümerschaft des Bodens ergeben. Die Ergebnisse seien ihm zugespielt worden. Diese Schadstoffe würden in manchen der Gebäude freigesetzt, sodass diese nicht ohne Schutzmassnahmen betreten werden könnten.
Auch diesbezüglich sieht Adrian Kohler kein Problem, denn auch dieses Thema sei altlastenrechtlich geregelt und die Gesetze würden eingehalten. «Es besteht keine akute Gefahr für Menschen in den Bereichen, die zugänglich sind.» Richtig sei, dass es Bereiche gibt, die mit Chemikalien kontaminiert sind. «Doch diese sind unter anderem deshalb nicht zugänglich.»
In dem SRF-Bericht war auch die Rede davon, dass Besucher des Klybeckareals den Bau 90 wegen einer zu hohen Belastung mit Schadstoffen in der Luft nicht betreten dürften. Dennoch seien darin aber Veranstaltungen durch die Landeigentümerin Swiss Life durchgeführt worden. Diese Vorwürfe weist Swiss Life zurück.
Die im Rundschau-Beitrag dargestellten Belastungen des Standorts seien «einseitig und manipulativ», schreibt ausserdem die Rhystadt AG. Für Menschen würde keine Gefahr bestehen, sich im Klybeck-Areal aufzuhalten.
Die Rhystadt würde ihre Sorgfaltspflicht als Eigentümerin wahrnehmen und habe auch die Innenluft der Gebäude «im Blick».
Welche Schadstoffmengen im Boden des Areals vorhanden sind und welche konkreten Konsequenzen das für zukünftige Bauherren hat, bleibt trotz den zahlreichen Äusserungen verschiedener Akteure letztlich nach wie vor unklar.
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